„Und sie treffen sich doch … am Ende“ – Ein Interview zu Scan-Standards

    Interview mit

    Pam Doyle (5-2003)

    Pam Doyle, langjährige Vorsitzende der TWAIN Working Group

    und

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    Jürgen Kaus, Geschäftsführer ‚Technik’, InoTec

     

    Ohne ihn würde bei vielen Scananwendungen nicht viel funktionieren: TWAIN sorgt für den Austausch von Daten zwischen Bilderfassungsgeräten und Software-Programmen. Für die Pflege und Weiterentwicklung des Standards ist die TWAIN Working Group verantwortlich. Zwei deutsche Anbieter sind dabei aktiv beteiligt.

    Wir sprachen mit Pam Doyle langjährige Vorsitzende der TWAIN Working Group sowie Jürgen Kaus, InoTec Geschäftsführer ‚Technik’, über die Bedeutung von TWAIN für das Dokumentenscannen, aktuelle und zukünftige Entwicklungen und was ein großer englischer Schriftsteller mit TWAIN zu tun hat.

    Frau Doyle, was ist die TWAIN Working Group?

    Pam Doyle: Die TWAIN Working Group ist eine internationale, Non-Profit-Organisation, die große Teile der Imaging-Industrie repräsentiert. Ziel ist es, einen universellen, öffentlichen Standard anzubieten, der Bilderfassungsgeräte wie Scanner mit Software-Applikationen verbindet. Wichtig ist uns eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung an zukünftige Technologien.

    Wie unterscheidet sich TWAIN von anderen Scanner-Standards?

    Pam Doyle: Einige Standards verfolgen einen proprietären Ansatz und sind kostenpflichtig. Andere wiederum sind nur für ein bestimmtes Betriebssystem gedacht, wie WIA für Windows, OS X Image Capture für Mac oder Sane für Linux. TWAIN dagegen ist der einzige Standard, der unabhängig vom Betriebssystem, von der Hardware oder der Software-Plattform eingesetzt werden kann – und das kostenfrei.

    Ist TWAIN denn nicht eher etwas für Scan-Anwendungen im Heimbereich oder für kleinere Dokumentenmengen?

    Jürgen Kaus: Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass TWAIN nicht für das Produktionsscannen geeignet sei. Mit TWAIN gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzungen. So laufen beispielsweise alle InoTec-Scanner unter TWAIN mit derselben hohen Geschwindigkeit wie mit anderen Scanner-Treibern.

    Mit welchen Aktivitäten unterstützt die TWAIN Working Group die Entwicklung von TWAIN?

    Pam Doyle: Die Mitglieder des höchsten Gremiums, des Board of Directors, treffen sich vier Mal im Jahr, um zu diskutieren, wie sich der Standard funktional erweitern und in der Adaption verbreitern lässt. Zusätzlich besprechen die technischen Repräsentanten der Mitglieder jede Woche aktuelle Initiativen und stellen sicher, dass technische Fragen und Themen aus dem Marktumfeld detailliert beantwortet werden. Und wir stellen Anwendern, Systemintegratoren und Entwicklern die verfügbaren TWAIN-Treiber, die Spezifikationen sowie das TWAIN Toolkit zur Anwendungsprogrammierung kostenfrei im Internet zur Verfügung.

    Herr Kaus, warum engagiert sich InoTec in der TWAIN Working Group?

    Jürgen Kaus: Pam hat den Grund vorher genannt. Der nicht-proprietäre, offene Ansatz von TWAIN ist für die Entwicklung des Imaging-Marktes sehr wichtig. Das betrifft zum einen die offene Zusammenarbeit der Hardware-Hersteller bei der Entwicklung und Umsetzung eines Standards. Systemintegratoren und Entwickler können mit Hilfe der frei verfügbaren Spezifikationen eigene Applikationen erstellen, die universell einsetzbar sind. Und Anwender erhalten mit TWAIN das Vertrauen in die Zukunftssicherheit ihrer Scan-Investitionen. TWAIN bietet somit eine Win-Win-Situation für alle Marktteilnehmer.
    InoTec beteiligt sich aktiv bei der Erstellung des Regelwerkes für TWAIN. Auch haben wir bei der Fertigstellung der technischen Dokumentation für die neue TWAIN-Version 2.4 mitgearbeitet.

    Wie wichtig ist der deutsche Beitrag für die Entwicklung des TWAIN-Standards?

    Pam Doyle: InoTec bringt mehr als 25 Jahre Erfahrung und Know-how im Bereich ‚Produktionsscannen’ in die Arbeit der TWAIN Working Group ein. Diese Expertise gibt wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Standards.
    Das zweite deutsche Mitglied, die ExactCode GmbH, wird sich auf die Mac-Aspekte von TWAIN konzentrieren und dabei unter anderem eine offene ‚TWAIN Bridge’ entwickeln, die es erlaubt Standard-TWAIN-Treiber mit nativen Mac Image Capture-Applikationen zu nutzen. Beide Unternehmen sind somit wichtig für den zukünftigen Erfolg des Standards.

    An welchen aktuellen Entwicklungen arbeitet die TWAIN Working Group?

    Pam Doyle: Die TWAIN-Spezifikationen werden in regelmäßigen Abständen upgedatet und erweitert. Zusätzlich arbeiten wir an einer neuen Initiative, TWAIN Direct, die kurz vor dem Abschluss steht. Damit verfolgen wir drei Ziele:

    • Erstens die Etablierung eines Netzwerk-Scanprotokolls, welches ermöglichen soll, von jedem internetfähigen Gerät – ob Desktop-PC, Tablet oder Smartphone – den Scanner anzusteuern. Dafür existiert bereits eine Implementierung mit dem Google Cloud Print-Service. Kooperationen mit weiteren Cloud-Anbietern sind geplant.
    • Zweitens die Erstellung eines Befehls-Set, das die direkte Kommunikation zwischen Software-Anwendungen und Scanner erlaubt, ohne auf spezifische Treiber angewiesen zu sein.
    • Und drittens eine erhebliche Reduzierung der Entwicklungszeit und der Entwicklungskosten für eine Scan-Unterstützung in Software-Anwendungen. Das Befehls-Set in TWAIN Direct setzt sich aus JSON-Daten in der Form von Strings zusammen und ist damit für Menschen einfach zu lesen und zu schreiben.

    Herr Kaus, wie beurteilen Sie die Zukunft von TWAIN?

    Jürgen Kaus: Die Akzeptanz von TWAIN beim hochvolumigen Scannen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Etwa die Hälfte unserer Kunden nutzt bereits den Standard, Tendenz steigend. Da TWAIN ein offener Standard ist, sind kundenspezifische Wünsche und neue Funktionalitäten deutlich kostengünstiger und schneller zu entwickeln. Die TWAIN Working Group besitzt dabei immer die Option, dass einzelne Funktionen, die auf Wunsch eines Anwenders entwickelt wurden, zur Standard-Funktionalität in den Spezifikationen erklärt werden. Dies wird Innovationen im Scan-Bereich fördern und dem gesamten Imaging-Markt einen Schub geben.

    Abschließende Frage an Frau Doyle. Woher stammt eigentlich der Name ‚TWAIN’?

    Pam Doyle: TWAIN ist eine Ableitung aus dem Vers eines Gedichts von Rudyard Kipling ‚The Ballad of East and West’. Dort heißt es: ‚Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet’, wobei ‚twain‘ auf das altenglische ‚twegen’ (deutsch: zwei) zurückgeht. Wie die beiden Protagonisten des Gedichts, ein englischer Offizier und ein afghanischer Pferdedieb, lernen, die Tugendhaftigkeit und die Courage des jeweils anderen zu respektieren und am Ende sogar Freunde werden, so ist TWAIN ein Vermittler zwischen IT-Komponenten, die nicht direkt interagieren können. Und doch treffen sie sich am Ende.

    Frau Doyle, Herr Kaus, haben Sie vielen Dank für diese wissenswerten Details rund um TWAIN!

    Informationen über TWAIN

    Die technischen Spezifikationen, die verfügbaren TWAIN-Treiber, das TWAIN Entwicklungs-Toolkit sowie weiterführende Informationen über die Arbeit der TWAIN Working Group und über TWAIN Direct finden sich unter: http://www.twain.org und http://www.twaindirect.org.
    Zudem erhalten Interessierte neueste Infos und einen Einblick in aktuelle Diskussionen in der LinkedIn-Gruppe der TWAIN Working Group.

    http://www.inotec.eu

    Jürgen Kaus, Geschäftsführer ‚Technik’, InoTec. InoTec optimiert die Geschäftsprozesse seiner Kunden mit technisch präzisen und zuverlässigen Dokumentenscannern. Die InoTec Scanner kommen überall dort zum Einsatz, wo große Mengen an Belegen produktiv und sicher gescannt werden müssen. InoTec besitzt ein nationales und internationales Netz an Partnern mit Branchen-Know-how und Projekterfahrung. Das Prinzip der Nachhaltigkeit gehört zum Selbstverständnis des Unternehmens.

    Pam Doyle, langjährige Vorsitzende der TWAIN Working Group, ist seit mehr als 30 Jahren aktiv und meinungsbildend an der Entwicklung des Enterprise Content Management-Marktes beteiligt. Die TWAIN Working Group ist eine Non-Profi-Organisation von Verantwortlichen der Imaging-Industrie mit dem Ziel, einen universellen, öffentlichen Standard für die Verbindung von Software-Anwendungen und Bilderfassungsgeräten zu schaffen und kontinuierlich den Bedürfnissen des Marktes anzupassen.