Alles eine Frage der „Frage“!

Thomson Reuters_Haris Husain

Interview mit Haris Husain,er leitet bei Thomson Reuters den Bereich „Suche“ in der Abteilung Finanzen & Risiken.

Die weltweite Markt- und Analyseplattform Eikon des Anbieters von intelligenten Informationen für Unternehmen und Fachleute, Thomson Reuters, bietet neben der semantischen Suche eine zusätzliche Erweiterung der Plattform – Graph Search. Das Dok.magazin sprach mit Haris Husain, der bei dem Unternehmen den Bereich „Suche“ verantwortet, darüber, wieso wir manchmal nicht nur Antworten, sondern auch Fragen suchen.

Dok.magazin: Herr Husain, kürzlich haben Sie die Option Graph Search als neue Funktion eingeführt. Können Sie uns zunächst etwas zu Eikon selbst erzählen, bevor wir auf die Erweiterung der Suchfunktion zu sprechen kommen?

Die Plattform unseres Unternehmens wird von vielen verschiedenen Finanzmarktteilnehmern genutzt – etwa Analysten, Händlern oder Ökonomen – und sie deckt alle Asset-Klassen ab. Von Devisen und festverzinslichen Investments über Rohstoffe und Aktien bis hin zu Derivaten.

Dok.magazin: Erst vor einigen Monaten haben wir uns an dieser Stelle über die Einführung von semantischer Suche unterhalten. Nun gibt es mit Graph Search schon wieder etwas Neues zu berichten. Wie kommt es, dass Eikon und die Suchfunktion in so kurzer Zeit bereits wieder erweitert werden?

Wir arbeiten laufend daran, die fortschrittlichsten Such-Mechanismen und –Technologien zu integrieren, um alle gewünschten Informationen einfach und schnell zu finden. Deswegen haben wir zuletzt Graph Search integriert, um es unseren Nutzern zu erleichtern, Suchvorgänge direkter in ihre Arbeitsabläufe einzubinden und damit Zeit einzusparen.

Dok.magazin: Das müssen Sie genauer erklären

Mit Graph Search leiten wir unsere User durch ihren Suchprozess. Wenn Sie damit beginnen, einen Begriff oder eine Frage in das Suchfeld einzugeben, wird sofort eine Auswahl aller Begriffe oder Eingabebefehle angeboten, die Sie als nächstes eingeben könnten. Mit jedem weiteren Wort, das Sie tippen, erweitern sich die möglichen Optionen. Sie kennen ähnliche Funktionen etwa von Facebook. Die Graph Search-Funktion bei Facebook ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie jedes Wort näher an die richtige vorgeschlagene Frage heranführt und diese am Ende eine einzige bestimmte Antwort liefert – Sie wählen sozusagen eine vorgeschlagene Frage aus und erhalten sofort eine einzige passende Antwort anstatt einer Liste möglicher Antworten.

Dok.magazin: Wir suchen also nicht mehr nur Antworten, sondern auch Fragen?

Natürlich müssen wir immer noch wissen, wonach wir eigentlich suchen – aber Graph Search hilft uns dabei, die richtigen Fragen zu stellen.

Dok.magazin: Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Nehmen wir an, ein Nutzer ist auf der Suche nach einer VWAP-Berechnung für das Unternehmen IBM in einem bestimmten Zeitraum, also einem ganz bestimmten Wert aus dem Handelsalltag. Er gibt also „IBM VWAP 9:00 bis“ in das Suchfeld ein. Eikon bietet nun Möglichkeiten, die Suche zu vervollständigen und zu spezifizieren, um klarere Antworten liefern zu können sowie die Suche zu „IBM VWAP 9:00 bis jetzt“ zu ergänzen (siehe Bild 1).

Dok.magazin: Welcher Vorteil ergibt sich daraus?

Der große Vorteil ist, dass die Suchmaschine beim Empfehlen der Formulierung bereits weiß, dass sie auf diese Formulierung eine exakte Antwort geben kann – so erhält unser Nutzer nicht eine Reihe von Antwortmöglichkeiten, sondern er wird sofort zur entsprechenden VWAP-Berechnung weitergeleitet (siehe Bild 2).
Ein weiteres Beispiel: Ein Nutzer möchte zwei Unternehmen vergleichen, etwa IBM und Google. Eine Suche nach „IBM gegenüber Google“ würde viele verschiedene Antworten liefern, da sich die beiden Unternehmen hinsichtlich vieler Kriterien vergleichen lassen. Weil Eikon weiß, welche Vergleiche darstellbar sind, bietet es daher sofort entsprechende Möglichkeiten – etwa Aktienkurs oder Marktkapitalisierung (siehe Bild 3).

Dok.magazin: Das klingt praktisch – aber ist das wirklich neu? Wie Sie schon sagten, nutzt beispielsweise Facebook einen ähnlichen Mechanismus und auch bei Google gibt es die Autovervollständigung.

Die Technologie besteht bereits – wir entwickeln sie jedoch weiter und schneiden sie auf den Finanzmarkt und die Bedürfnisse unserer User zu. So ermöglichen wir schnellere und präzisere Ergebnisse in einem Sektor, in dem Zeit eine sehr wichtige Rolle spielt. Darüber hinaus sind Grafiken und Diagramme bei den Suchergebnissen von großer Bedeutung. Die richtige Grafik zu finden, kann ebenfalls besonders zeitaufwändig sein. Graph Search trägt dazu bei, nur eine einzige und passende Antwort zu liefern, und auf diese Weise lassen sich auch entsprechende Grafiken schneller finden. Dank vorgeschlagener Sucheingaben landen Sie ohne Umwege direkt beim richtigen Diagramm.

Dok.magazin: Funktioniert Graph Search in Kombination mit der semantischen Suche?

Ja, auch diese Kombination gibt es bereits. Lassen Sie mich ein anschauliches Beispiel aus dem Bereich des Rohstoffhandels geben. Hier spielen für den Benutzer Handelsrouten eine wichtige Rolle, beispielsweise zur See. Der User möchte gern mitgeteilt bekommen, wenn einem für ihn relevantes Schiff – nennen wir es ANNABELLA – auf seiner Route ein wichtiges Ereignis wiederfährt. Er kann dafür in das Suchfeld eingeben „Sag mir Bescheid, wenn ANNABELLA …“. Eikon versteht die Suchanfrage und gibt – dank Graph Search – nun Möglichkeiten, etwa dass ANNABELLA einen Hafen erreicht oder verlässt, oder den Kurs ändert (siehe Bild 4). Vor der Implementierung von Graph Search hätte die Einrichtung eines solchen Alerts mehrere Schritte und einen Mehraufwand an Zeit bedeutet.

Dok.magazin: Was sind die größten Herausforderungen bei der Entwicklung von Mechanismen wie Graph Search?

Herausfordernd ist durchaus die Erkennung von Kategorien, etwa Unternehmen oder Schiffsnamen – schließlich können ein Unternehmen und ein Schiff den gleichen Namen haben.

Dok.magazin: … und ein Unternehmen wird kaum einen Hafen verlassen …

Richtig. Aus diesem Grund geben wir dem Nutzer die Möglichkeit, zwischen Kategorien zu unterscheiden, die ähnlich klingen, indem wir den User auch hier schon während der Formulierung der Suche auf die richtige Bahn leiten. Indem wir zudem Verbindungen zu allen relevanten Funktionen von Eikon herstellen, können wir trotzdem effizient Sucheingaben vorschlagen und die Suchen möglichst präzise beantworten.

Dok.magazin: Gibt es auch ganz praktische Schwierigkeiten, mit denen Sie bei der Umsetzung konfrontiert sind?

Die gibt es auch, beispielsweise was die Skalierbarkeit anbelangt. Das klingt vielleicht trivial, allerdings ist es aufgrund der großen Anzahl von Applikationen auf Eikon in ihren verschiedenen Ausführungen durchaus kompliziert, das Suchsystem schnell entsprechend der gerade genutzten Applikation zu skalieren.

Dok.magazin: Semantische Suche, Graph Search – was erwartet uns als nächstes?

Unser Ziel ist es, die Suchmechanismen zu einem rund um die Uhr verfügbaren Concierge für unsere User zu entwickeln. Eikon bietet riesige Datenmengen. Der Concierge dient als eine Art personalisierter Führer für den Benutzer. Er hilft ihm, sich in den Daten, Informationen und Apps zurechtzufinden. Die semantische Suche und Graph Search sind einzelne Schritte auf diesem Weg. Wir werden auch in Zukunft daran arbeiten, stetig modernste Such- und Analysemechanismen sowie Big-Data-Technologien in Eikon zu implementieren.

Dok.magazin: Herr Husain, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Haris Husain leitet bei Thomson Reuters den Bereich „Suche“ in der Abteilung Finanzen & Risiken. Thomson Reuters ist der weltweit führende Anbieter von intelligenten Informationen für Unternehmen und Fachleute. Thomson Reuters kombiniert Industrie-Expertise mit innovativer Technologie und versorgt u.a. Entscheidungsträger in den Bereichen Finanzen, Recht, Steuern, Buchhaltung, Wissenschaft und Medien mit kritischen Informationen, unterstützt durch die weltweit vertrauenswürdigste News-Organisation. Mit Hauptsitz in New York und größeren Standorten in London und Eagan beschäftigt Thomson Reuters rund 60.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern.