Flugzeuge aus Stroh: Die Cargo-Kulte der Collaboration

Autor – Michael Ludwig Höfer, Consultant bei Alegri International Service GmbH

Dass SharePoint eine mehr als zeitgemäße Kollaborationsplattform ist und man damit gut Dokumentenmanagement machen kann, unterstützt durch Social Media, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. Auch dass diese Social-Funktionen den Austausch von Wissen im Unternehmen fördern, wird nicht mehr in Frage gestellt.

Wie aber kommt das? Warum ist Social Media so nützlich? Wie funktioniert das? Wie ist das in einem Gesamtsystem mit Dokumentenmanagement verknüpft? Das sind Momente, in denen ich mich frage, ob man mittlerweile a priori von der Nützlichkeit von Social Media & Co. überzeugt ist – auch ohne sich je damit näher befasst und es verstanden zu haben. Könnte sich nicht auch herausstellen, dass die sozialen Werkzeuge eine ähnliche Funktion haben wie Flugzeuge aus Stroh: Sieht aus wie Flugzeug, soll ein Flugzeug darstellen, erfüllt aber nicht den Zweck eines Flugzeugs. Ein Cargo-Kult.
Was sind Cargo-Kulte?

Cargo-Kulte sind ein spannendes Thema, denn es zeigt, wie wir als Menschen ticken. Ich sage bewusst “wir”, nehme mich da nicht aus. Wikipedia schreibt zu Cargo-Kulten folgendes: „Das Kriegsmaterial, das während des Zweiten Weltkrieges massenhaft von der US-Armee auf diese [polynesischen, Erg. d. Autors] Inseln abgeworfen wurde […], brachte drastische Änderungen des Lebensstils der Inselbewohner mit sich: Sowohl die Soldaten als auch die Einheimischen, die sie beherbergten, wurden mit Materialmengen regelrecht überschüttet. […]

Mit dem Kriegsende wurden die Flughäfen verlassen und kein neues „Cargo“ wurde mehr abgeworfen. Darum bemüht, weiter Cargo per Fallschirm oder Landung zu Wasser zu erhalten, imitierten Kultanhänger die Praxis, die sie bei den Soldaten, Seeleuten und Fliegern gesehen hatten. Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz und trugen sie, als würden sie im Flughafentower sitzen. Sie positionierten sich auf den Landebahnen und imitierten die wellenartigen Landungssignale. Sie entzündeten Signalfeuer und -fackeln an den Landebahnen und Leuchttürmen …“

Cargo-Kulte der Collaboration

Was aber haben Cargo-Kulte mit Collaboration zu tun? Ich denke, dass wir uns beim Aufbau von Intranet- und Kollaborationsplattformen zurzeit ähnlich verhalten. Heutzutage muss kaum noch begründet werden, ob Social Media prinzipiell eine Verbesserung der Unternehmensprozesse bringen kann. Das ist heute, Ende 2013, Mainstream. Aber mal abgesehen von Fachbeiträgen von Wissensmanagement- und Collaboration-Spezialisten nehme ich wahr, dass oft noch wenig Bewusstsein dafür vorhanden ist, warum Social Media im Unternehmen Mehrwert schafft. Und wie das funktioniert.

Ein typischer Cargo-Kult der Collaboration ist aus meiner Sicht das Wikipedia-Beispiel. Wiki ist gut, weil man das ja weiß. Damit macht man Wissensmanagement. Also stellen wir ein Wiki bereit, am besten ein MediaWiki wie das von Wikipedia, bei mehr Pragmatismus auch gern Confluence. Und wenn es das gibt, wollen alle die Möglichkeit nutzen, ihr Wissen zu teilen und zu entwickeln. Bei Wikipedia klappt das ja auch. Und dann stellt man fest, dass nichts passiert. Und versteht es nicht, denn man hat doch alles richtig gemacht …

Form follows Function, das gilt auch hier. Selbstverständlich war es für die Polynesier möglich, Flugzeuge und Radarstationen aus Stroh und Blättern nachzubauen. Aber sind es dann Flugzeuge und Radarstationen, oder sehen sie nur so aus? Das gleiche gilt für die Features, die man im Allgemeinen mit Collaboration und Wissensmanagement in Verbindung bringt. Nur weil ein Wiki vorhanden ist und es wie ein Wiki aussieht, heißt das nicht, dass die Voraussetzungen gegeben sind, aus einer Wiki-Software eine lebendige Community zu machen.

Das reine Vorhandensein dieser Features ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber „zu kurz gesprungen“. Das reine Vorhandensein von Features imitiert Collaboration und Wissensmanagement, ohne das Wesen und die Zusammenhänge verstanden zu haben. Und das reine Vorhandensein wird auch nie automatisch die entsprechende Aktivität der Mitarbeiter erzeugen.

Ausweg/Vermeidung von Cargo-Kulten

Den einen Weg gibt es nicht, damit die “Flugzeuge” wieder Cargo bringen. Es gibt nicht den einen Use Case, der dafür sorgt, quasi auf Knopfdruck, dass jetzt Wissen geteilt wird, dass implizites Wissen erfasst wird, dass Wissen bewegt, ausgetauscht und erneuert wird. Nutzungsoffenheit von Social Media ist das Stichwort. Das ist Herausforderung und Chance zugleich. Denn Unternehmen sind soziale Systeme und soziale Systeme sind immer komplexe Systeme. Die Features bereitzustellen reicht nicht, man muss sie im Gesamtsystem sehen. Sowohl untereinander, und aus der Perspektive eines Intranet-Reifegradmodells – und auch in Zusammenhang mit so grundsätzlichen Themen wie Dokumentenmanagement.

Man muss sich mit dem Wesen der Features auseinandersetzen: Form follows Function. Welche Eigenschaften haben die Features, was geht damit, was nicht? Wie grenzen sie sich voneinander ab? Es geht um den Zweck: Flugzeuge bringen etwas, aus einem bestimmten Grund. Radarstationen sind da aus einem bestimmten Grund. Antennen, Bodenpersonal, alles. Auch im Unternehmen passieren Dinge aus einem bestimmten Grund, zu einem bestimmten Zweck, aus einem bestimmten Bedarf heraus. Dieser muss identifiziert werden.

Fazit

Social Media im Unternehmen wirkt nach dem TOM-Modell eben immer auf drei Dimensionen gleichzeitig ein: Neben Technik auch immer auf Organisation und Mensch. Die Technik allein reicht nicht. Sie muss zum Prozess passen, und zur Unternehmenskultur. Vor allem aber muss sie zu den Menschen passen, die sie verwenden sollen, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Vom Themenkomplex „Gamification“ beispielsweise kann man viel lernen, welche Rolle Psychologie bei der Akzeptanz von Arbeitsumgebungen spielt. Nutzungsoffenheit von Social Media bedeutet eben auch, dass Menschen die Werkzeuge verwenden, weil sie einen Mehrwert für sich sehen, und in ihrer Motivation abgeholt werden. Wenn diese Aspekte betrachtet werden, sind Flugzeuge nicht mehr aus Stroh, und bringen Cargo.

www.alegri.eu

Michael Ludwig Höfer, Consultant bei Alegri International Service GmbH. Die Alegri International Group ist ein führendes IT-Beratungsunternehmen im Bereich aller Microsoft-Produkte inkl. SAP-Integration: SharePoint, Search, Dynamics CRM, Lync, Duet Enterprise, System Center, Windows 8 App, Cloud Services, .Net, SQL Server. Alegri International beschäftigt rund 250 Mitarbeiter in München, Stuttgart, Frankfurt/M., Köln, Hamburg, Basel, Zürich und Wien.