Geht doch besser: Barrierefreiheit im Netz für alle!

 

Wie sieht die Zukunft der digitalen Barrierefreiheit aus und welche Neuerungen bringt das angepasste BITV-Testverfahren? Worauf sollten Webseitenbetreiber und Agenturen achten? Wie werden KI und innovative Assistenzsysteme die Barrieren im Netz weiter abbauen?

Dies sind die Fragen, die Webseitenbetreiber und Agenturen derzeit beschäftigen. Tatsache ist: Zu viele Webangebote verwenden weiterhin keinen barrierefreien Webstandard. Das ist erschreckend, bedenkt man, dass allein in Deutschland rund 7,5 Millionen Menschen schwerbehindert und auf Hilfsmittel bzw. entsprechend angepasste Apps und Internetauftritte angewiesen sind. Weltweit hat fast jeder siebte Mensch eine Form von Behinderung, die ihn bei der Nutzung von Technologien einschränkt. Hinzu kommt, dass Menschen mit Beeinträchtigung das Internet überdurchschnittlich häufig und intensiv nutzen. Außerdem ist Barrierefreiheit auch für Ältere und Nicht-Muttersprachler*innen ein zentrales Thema.

 

Autor – Nattaphong Kosakul ist ausgebildeter Mediengestalter und arbeitet als Frontend-Entwickler bei 3pc

 

Warum also schenken viele Webseitenbetreiber und Digitalagenturen der Gleichstellung und Accessibility im Netz so wenig Aufmerksamkeit? Mangelndes Budget und fehlendes Know-how mögen Gründe sein. Dabei nutzen barrierefreie Webstandards allen, denn sie fördern die Kommunikation (klares Informationsdesign, verständliche Texte), erhöhen die Benutzerfreundlichkeit (intuitive Bedienung, eindeutige Struktur) und sind besonders suchmaschinenfreundlich (Alternativtexte, Audiodeskriptionen). Es gibt zwar ein Bewusstsein für das generelle Anliegen der Barrierefrei-Informationstechnik-Verordnung (BITV), über die konkreten Anforderungen und Aufgaben in der Umsetzung ist man sich jedoch oft unklar.

Konkrete Anforderungen an die Online-Zugänglichkeit

Grundsätzlich gilt, dass Menschen mit Handicap – sensorische, motorische oder kognitive Einschränkungen – nicht daran gehindert werden sollen, öffentlich zugängliche Internetangebote zu nutzen. In der Umsetzung dieser Maxime geben die vier Prinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und (technische) Robustheit Orientierung.

Wahrnehmbarkeit: Diese beginnt beim Kontrast zwischen Text und Hintergrund, der Farbauswahl von Schaltflächen (Stichwort Farbschwäche) und der Skalierbarkeit von Texten (Stichwort Alterskurzsichtigkeit). Für Hörgeschädigte und Sehbehinderte sind Gebärdensprache und Textalternativen für Video, Audio sowie Grafiken und Bilder bereitzustellen. Insgesamt sollten keine Informationen, Strukturen und Beziehungen von Elementen und Inhalten nur rein grafisch vermittelt werden.

Bedienbarkeit: Navigation und Interaktion darf nicht nur via Maus oder Touch funktionieren, sondern sollte auch mit Ein- und Ausgabegeräten wie Tastaturen, Braille-Zeilen, Joysticks oder per Sprachbefehl möglich sein. Das gilt übrigens auch für barrierefreie Eingabemöglichkeiten im CMS für Redakteur*innen mit Einschränkungen. Zudem müssen Player, Slider usw. manuell steuerbar und alle Inhalts- und Steuerelemente durch korrekte Markups strukturiert und identifizierbar sein.

Verständlichkeit: Sie lässt sich für Nutzer*innen, die einen Screenreader benutzen vor allem durch die konsistente Bezeichnung von Navigation und Funktionen erreichen, die wiederholt auf einer Webseite vorkommen. Zusätzliche Navigationsmöglichkeiten wie Suchfunktion, Breadcrumb und eine aussagekräftige Seitenstruktur mit entsprechenden HTML-Elementen für Überschriften, Listen, Auszeichnungen usw. erleichtern den Zugang zu den Inhalten. Zudem wird die Verständlichkeit auch durch die Anwendung von leichter, angemessener Sprache und die Vermeidung von Fachjargon und Fremdwörtern gefördert.

Robustheit: Diese wird durch die Einhaltung moderner Webstandards erreicht, die eine optimale Darstellung von Inhalten in verschiedenen gängigen Browsern ohne Plug-ins garantieren und mit assistiven Technologien wie Bildschirmvorleseprogrammen kompatibel sind. Inhalte sollten also unabhängig von Hard- und Software funktionieren.

Insgesamt – das erlebt man häufig in der Beratung – gibt es zwar ein Bewusstsein für das generelle Anliegen der Barrierefrei-Informationstechnik-Verordnung (BITV). Über die konkreten Anforderungen und Aufgaben in der Umsetzung ist man sich jedoch oft unklar.

Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken

Webseitenanbieter und Agenturen werden umdenken und sich intensiver mit dem Thema befassen müssen. Denn Barrierefreiheit ist kein Sonderfall und keine Nischenanforderung, die Menschen ohne Handicap nicht tangiert. Uns allen ist geholfen, wenn beispielsweise Texte auch bei direkter Sonneneinstrahlung auf dem Display durch hohe Kontraste erkennbar bleiben. Oder denken wir an die rasant wachsende Bedeutung von Sprachsuchanfragen und Sprachausgabe via Siri, Alexa & Co. – Barrierefreiheit kann also auch bedeuten: Machen wir uns fit für die Zukunft!

Entscheidend ist, dass Barrierefreiheit von Digitalagenturen und Online-Redaktionen von Anfang an mitgedacht, kontinuierlich gepflegt und nicht zuletzt immer wieder getestet werden muss.

BITV-Vorschriften umsetzen

Die Prüfung von Webangeboten auf Barrierefreiheit orientiert sich an der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0 vom Mai 2019). Diese basiert auf der EU-Norm EN 301 549 sowie den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1. Testverfahren und Bewertungsschema wurden 2019 geändert. Hinzugekommen sind zwölf neue Prüfschritte (jetzt insgesamt 60), so etwa bezüglich Bildschirmausrichtung, Verwendung von Eingabefeldern, Anpassung von Textabständen oder Alternativen für Gestensteuerung.

Das bisherige Punktesystem ist entfallen. Bislang waren Webangebote mit 90+ Punkten als „gut zugänglich“, solche mit 95+ Punkten als „sehr gut zugänglich“ eingestuft. Fortan gilt: Eine Internetseite ist nur dann BITV-konform, wenn sie ALLE Prüfschritte „erfüllt“ bzw. „eher erfüllt“ (wobei Prüfschritte nur bei geringfügigen Mängeln mit „eher erfüllt“ bewertet werden dürfen). Entsprechend gibt es auch neue Prüfzeichen. Hat ein abschließender BITV-Test eines Webangebots ergeben, dass noch einzelne Mängel bestehen, kann das Prüfzeichen „BIK BITV-Test Prüfbericht“ verwendet werden. Dieses ist noch kein Nachweis für Barrierefreiheit und führt die Mängel im verlinkten Prüfbericht auf. Erst nach vollständig bestandenem Test dürfen Webseitenbetreiber oder App-Anbieter das Prüfzeichen „BIK BITV-konform (geprüfte Seiten)“ führen.

Aufwand mittels KI-Technologien begrenzen

Doch was bedeutet das alles für Anbieter von Internetauftritten und die Digitalisierungsbranche? Zunächst ist festzuhalten, dass die Änderungen von WCAG und BITV eine Anpassung an neue technische Standards und an das gewachsene Know-how zu den Nutzungsbedürfnissen eingeschränkter Menschen darstellen. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Viele befürchten allerdings, dass der zusätzliche Arbeitsaufwand zur Erstellung barrierefreier Internetangebote ins Unermessliche wächst und in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen steht.

Entscheidend ist, dass Barrierefreiheit von Digitalagenturen und Online-Redaktionen von Anfang an mitgedacht, kontinuierlich gepflegt und nicht zuletzt immer wieder getestet werden muss. Im Detail geht es dabei etwa um Leichte Sprache, sinnvolle Verschlagwortung, die Befüllung von Alt-Tags für Bilder und Grafiken, erweiterte Untertitel (Captions) und Volltextalternativen für multimediale Inhalte, korrekte HTML-Strukturelemente für eine klare Seiten- und Textstruktur, die konkrete Benennung von Ziel und Zweck eines Links, die Auszeichnung von Akronymen und Abkürzungen mit Abbr-Tag sowie fremdsprachlicher Wörter oder Textabschnitte mit den entsprechenden Attributen, die Beschriftung von Formularelementen samt Hinweisen zum Eingabeformat usw.

Und all das sollen Redakteur*innen nicht nur wissen, sondern neben dem oft schon hohen Arbeitspensum auch noch manuell im CMS pflegen? Nicht unbedingt. Denn in den Bereichen Sprachsuchoptimierung, Bilderkennung, automatische Audiotranskription und Metadatenpflege werden KI-Technologien, etwa auf Basis von Natural Language Processing und Deep-Learning-Verfahren, die digitale Barrierefreiheit rasant erhöhen.

Barrierefreiheit bedeutet Zukunft

Schon heute werden in die Content Management Systeme spezielle Redaktionsassistenten implementiert, die Texte automatisch analysieren. Dabei werden ursprünglich manuelle Tätigkeiten von einer KI übernommen: Diese erkennt Entitäten wie Personen, Orte oder Organisationen, generiert passende Keywords, zeichnet Abkürzungen und Glossarbegriffe aus und verlinkt sie mit internen Wissensquellen. Das Assistenzsystem erstellt also automatisch barrierefreie Inhalte, minimiert den redaktionellen Pflegeaufwand und betreibt nebenbei Suchmaschinen-Optimierung. Redakteur*innen fungieren nunmehr als Trainer der KI und können die zurückgewonnene Zeit der Erstellung qualitativ hochwertiger Inhalte widmen.

Und die Zukunft hält noch weitere smarte Lösungen bereit: Mit Partnern aus Wissenschaft und Forschung arbeitet 3pc beispielsweise an intelligenten Algorithmen, die schon bald selbständig Vorschläge für Bildbeschriftungen und Alternativtexte liefern werden.

Fazit

Wie schon angedeutet, ist auch die Sprachsteuerung von Geräten weiter auf dem Vormarsch. Bis 2020 wird – auch bei Menschen ohne sensorische, motorische oder kognitive Einschränkungen – vermutlich die Hälfte aller Suchanfragen auf Voice basieren. Das bedeutet allerdings, dass Webinhalte neu auf Spracheingabe und -ausgabe ausgerichtet werden müssen. Auf diese Weise werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn die Anforderungen für Barrierefreiheit und Sprachsuchoptimierung sind nahezu deckungsgleich: einfache Sprache und Textalternativen für visuelle Inhalte, die von Screenreadern vorgelesen werden können.

In den Bereichen Sprachsuchoptimierung, Bilderkennung, automatische Audiotranskription und Metadatenpflege werden also KI-Technologien, etwa auf Basis von Natural Language Processing und Deep-Learning-Verfahren, die digitale Barrierefreiheit rasant erhöhen. Und nebenbei die Usability und Suchmaschinenfreundlichkeit digitaler Informationsangebote verbessern.

www.3pc.de

Nattaphong Kosakul ist ausgebildeter Mediengestalter und arbeitet als Frontend-Entwickler bei 3pc. Das Unternehmen begleitet seine Kunden aus Politik, Gesundheit, Kultur und Wirtschaft bei der digitalen Transformation und entwickelt anwenderorientierte Lösungen. Schon heute setzt die Berliner Agentur auf innovative AI-Lösungen, um die digitale Kommunikation zu verbessern und erforscht branchenspezifische Use-Cases.

3pc ist Partner von

QURATOR 2020 – International Conference on Digital Curation Technologies
20. und 21. Januar 2020, Berlin

Die Zukunft der digitalen Kommunikation beginnt hier!

Wer heute nicht digital kommuniziert, findet nicht statt. Die Folge: Immer mehr Inhalte müssen in kürzester Zeit für verschiedenste Geräte aufbereitet werden – das Informationsmanagement erhöht sich extrem. Damit Unternehmen und Organisationen im Alltag nicht untergehen, arbeitet das Projekt QURATOR an einem innovativen Ansatz: Kuratierungstechnologien auf Basis Künstlicher Intelligenz unterstützen Wissensarbeiter, Medienverantwortliche und Geschäftsstrategen dabei, digitale Inhalte mit maschinenlesbaren Daten anzureichern, zu strukturieren und Content gewinnbringend einzusetzen. Auf der Konferenz werden Anwendungsfelder für verschiedene Branchen und Bereiche wie Medien, Kulturerbe, Gesundheitswesen, Logistik sowie Energie und Industrie vorgestellt. Außerdem können Sie gemeinsam mit den QURATOR-Experten in Workshops konkrete Use Cases für Storytelling und Ausstellungskuratierung, Risiko-Monitoring, Prozess- und Wissensmanagement, personalisierte Medizin und weitere vielversprechende Anwendungsfelder erarbeiten.

www.qurator.ai/conference-qurator-2020/

Links und Lesetipps:

https://3pc.de/innovationen/ki-assistenzsysteme/

www.bitvtest.de/bitv_test/das_testverfahren_im_detail/pruefschritte.html

www.bitvtest.de/bitv_test/das_testverfahren_im_detail/vertiefend/ueberarbeitung/2019.html

www.bitvtest.de/bitv_test/einfuehrung/kurzvorstellung.html

www.bitvtest.de/bitv_test/das_testverfahren_im_detail/vertiefend/bik_pruefzeichen.html

www.gesetze-im-internet.de/bitv_2_0/BJNR184300011.html

www.bik-fuer-alle.de/barrierefreiheit-umsetzen.html

www.barrierefreies-webdesign.de/

www.einfach-fuer-alle.de/