Publishing: Modern Digital Times

    Interview mit

    Naomi Owusu, CEO und Co-Founder von Tickaroo

     

    Erst waren es Flugblätter, dann Zeitungen, später Webseiten und Apps – die redaktionelle Berichterstattung hat sich gewandelt. In Zeiten digitaler Transformation zeigen sich immer mehr Potenziale für Publisher und Verlage. Doch wie steht es um die deutsche Medienbranche? Klar ist: Die Umsätze brechen weg. Medien- und Verlagshäuser verzeichnen einen stetigen Rückgang von Zeitungsabonnements und das Content-Angebot sorgt für hohen Konkurrenzdruck. Dieser Umstand erschwert es zudem, Personal dauerhaft zu halten. Die Folge: Arbeitsplatzeinsparungen und wachsendes Vertrauen in Freelancing-Beschäftigungsmodelle. Doch kann so die Qualität redaktioneller Inhalte dauerhaft garantiert werden? Die Digitalisierung verlangt nach innovativen Wegen der Berichterstattung und liefert dabei gleichzeitig neue Möglichkeiten und Chancen.

    Sind Payment-Modelle die Zukunft?

    Adblocker waren die Ursache, Paywalls und Content-Abonnements die vermeintliche Lösung. Doch haben Publisher damit die richtige Entscheidung getroffen? – Wohl kaum. Dadurch, dass Leser auf diesem Weg nur eingeschränkt auf Inhalte zugreifen und spannende Artikel nur als Abriss lesen können, verlieren die Medien an Sympathie und im Ernstfall schlichtweg Reichweite. Daher stellt sich die Frage, ob diese Form des Payment-Modells wirklich die Lösung für finanzielle Engpässe ist? Ja, jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Bezahlmodelle funktionieren nur bei einer starken Marke, die zudem über ein Alleinstellungsmerkmal im Markt verfügt und darüber hinaus eine spitze Zielgruppe besitzt. So setzt beispielsweise das Handelsblatt mit dem „Handelsblatt Digital Business“ auf eine kostenpflichtige Clubmitgliedschaft. Die Premium-Version von Deutschlands schnellstem Wirtschaftsportal stellt den Lesern einen unbegrenzten Zugang zu Exklusiv-Inhalten zur Verfügung. Vom ePaper über Dossiers und Hintergrundstories bis hin zu interaktiven Grafiken können die Abonnenten eine Vielzahl an Formaten nutzen.

    Diese Content-Exklusivität und Partizipation einer großen Leserschaft funktioniert nur bei einer starken Brand. Medien, die noch nicht ähnlich etabliert sind wie das Handelsblatt, haben Probleme, solche Konzepte erfolgreich umzusetzen. Folglich vertrauen sie auf diverse Advertising-Möglichkeiten, aber auch hier gilt: Rentabilität stellt sich bei entsprechender Reichweite ein. Overlays und Bannerwerbung gehören zu den handelsüblichen Möglichkeiten und versprechen Online-Einnahmen. Jedoch sind Publisher auch hier von einer großen Reichweite abhängig. Ähnlich ist es bei Sponsored Posts, auch hier sind die Kosten von zu erwartenden Seitenbesuchern abhängig. Diese Form der Content-Partnerschaft ist vor allem für Unternehmen spannend, die auf diese Weise ihre Marken und die Sichtbarkeit ihrer Produkte oder Dienstleistungen stärken wollen. Die genannten Möglichkeiten stellen Potenziale für Publisher dar, mehr Einnahmen verzeichnen zu können, doch wie können sie ihre Brand stärken und die Reichweite erhöhen – vor allem in Zeiten digitaler Transformation in der Berichterstattung?

    Liveblogs für mehr Page Impressions und Unique Visitors

    Um Advertising-Potenziale auszureizen, sehnen sich Publisher nach neuen Möglichkeiten, die Leserschaft in den Bann zu ziehen. Eine Möglichkeit: Liveblogs. Die flexiblen Liveticker erfreuen sich bei der Leserschaft großer Beliebtheit. Ob gesellschaftliches und politisches Weltgeschehen, Event-Berichterstattung oder Sportgroßereignis – Medien verzeichnen im Rahmen der Kurz-Updates einen hohen Zulauf, fernab von Social Media-Kanälen wie allen voran Facebook. Ein Beispiel ist der Liveblog von SPIEGEL ONLINE, der bei den olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang massive Resonanz erhielt. Bei 34 Millionen Page Impressions folgten mehr als 3 Millionen Unique Visitors den Wettkämpfen.

    Die Vorteile von Liveblogs für Redakteure im Rahmen der Live-Berichterstattung sind enorm: Sie können Inhalte schnell produzieren und diese mit einer großen Leserschaft teilen. Dabei lassen sich auch die unterschiedlichsten Medien integrieren, seien es Fotos, Videos oder Social Media-Tweets. Liveblogs bündeln relevante Informationen für die Zielgruppe und werden so zum Allrounder. Aus Leser-Sicht wird auf diesem Weg das Gefühl erzeugt, nichts zu verpassen. Ihm wird die Sicherheit gegeben, immer auf dem aktuellsten Stand des Geschehens zu sein – in Echtzeit. Publisher schaffen mit Liveblogs Authentizität, denn das Angebot konzentriert sich auf ein Ereignis und dessen Verlauf. Und auch hier liegt es an den Redakteuren neben kurzen, knappen Informationen das Thema Storytelling zu beherzigen, den Leser zu emotionalisieren und am Geschehen teilhaben zu lassen.

    News-Apps: Personalisierung von Content

    Mittlerweile gibt es laut einer bitkom-Studie [1] allein in Deutschland 54 Millionen Smartphone-Nutzer. Eine Zahl, die auch Publisher zunehmend beherzigen und ihr Angebot für Endgeräte anpassen. Web-Apps, mobil-optimierte Webseiten und native Apps sorgen dafür, dass sich die Leser stets informieren können. Eine wesentliche Herausforderung liegt darin, User Experience und Performance zu optimieren. Verlage und Publisher schöpfen große Potenziale aus der Bindung via mobilem Endgerät. Die Leser haben ihre News immer dabei. Die News werden nicht länger gefunden, sie finden die Zielgruppe.

    Auch hier spielt die Personalisierung von Inhalten eine wichtige Rolle. Die Herausforderung dabei ist, dass die Vielfalt und der Spaß beim Erkunden des Informationsangebotes nicht verloren gehen. Mit nativen Apps erhalten News-Lieferanten auch die Möglichkeit, auf Push-Benachrichtigungen zu setzen. Die kurzen News-Einblendungen auf dem Smartphone gehören zum Standard-Repertoire einer News-App. Sie erreichen den Nutzer ortsunabhängig und in Echtzeit.

    Relevanz: Kriterium auch für Push-Nachrichten

    Der Vorteil von Push-Nachrichten ist eindeutig: In hoher Frequenz können Inhalte mit einer großen Zielgruppe geteilt werden – aber genau hier liegt auch die Gefahr. Publisher und Verlage müssen ein „gesundes Maß“ von Push-Benachrichtigungen finden. Zu viele Informationen überfordern den Leser. Dieser möchte jedoch nur die für sich relevanten Informationen bekommen. Optional buchbare Kategorien für Push-Benachrichtigungen gehören daher zum Must-Have einer News-App. Der Nutzer muss wählen können, ob er tatsächlich alle News oder nur branchenspezifische Updates, z.B. Sport, Politik oder Umwelt, sollten daher wählbar sein. Auch Timing-Optionen bieten sich an, um in Echtzeit oder zu bestimmten Zeitpunkten Push-Benachrichtigungen zu erhalten und so dem Empfänger eine gewisse Regelmäßigkeit des Informationsflusses zu geben.

     „Alte News sind keine News mehr“

    Sucht man nach neuen, erfolgversprechenden Geschäftsmodellen für Publisher, spielen die Erwartung der Leser an Aktualität der Informationen eine entscheidende Rolle. Ebenso wichtig ist es, dass die Nachrichten auf allen Kanälen zugänglich sind – egal ob Mobile, Desktop oder Print. Eine komplexe Aufgabe für Redaktionen, die nicht nur inhaltlich stark gefordert sind, sondern die diese Anforderungen auch in technologischer Hinsicht bewältigen müssen. Zu den Perspektiven für Verlage und den Konsequenzen sprach das DOK.magazin mit Naomi Owusu, CEO und Co-Founder von Tickaroo.

    Frau Owusu, beginnen wir doch mit den ‚Kunden‘ von Medienanbietern. Was sind denn Ihrer Erfahrung nach die Bedürfnisse der heutigen Leserschaft, die Unternehmen bedienen müssen?

    Die Bedürfnisse liegen klar auf der Hand: Leser möchten in Echtzeit informiert werden. Das Vorbild hier: Social Media. Die Netzwerke, einst für den Austausch mit Freunden konzipiert, stellen auch für News-Lieferanten einen wertvollen Kanal dar. Sie wurden zum Spiegelbild des Wandels in der Berichterstattung. Die Nutzer wählen ihr bevorzugtes Medium aus, vergeben „Gefällt mir“, personalisieren so ihr eigenes Informationsangebot und halten sich auf dem aktuellsten Stand. Der Nutzer möchte aktuelle Neuigkeiten nicht über die Tageszeitungen erfahren, sondern exakt in dem Moment, sobald sie passieren. Alte News sind keine News mehr. Ebenfalls wichtig in diesem Zusammenhang: Der Leser ist autark geworden, er sehnt sich nach kurzen Informationen und recherchiert darauf basierend selbstständig nach Informationen.

    Sie betonen, dass kurze News an Relevanz gewinnen – haben ausführliche Artikelformate ausgesorgt?

    Nein. Für Verlage und Publisher liegt die Herausforderung darin, einen gesunden Mix zwischen der Live- und klassischer Berichterstattung zu finden. Sie müssen mithilfe der kurzen Fakten, Interesse beim Leser wecken und ihm idealerweise das passende ausführliche Content-Angebot zur Verfügung zu stellen. Das kann sowohl über den Online- als auch den Print-Bereich geschehen.

    Inwiefern haben die angesprochene Stärke der Brand und das Thema Storytelling Auswirkungen auf die Reichweite?

    Der Leser hat bestimmte Erwartungen an das Content-Angebot eines Mediums und in dieser Hinsicht muss sich eine klare Positionierung deutlich machen. Sollen die Inhalte informieren, meinungsbildend oder unterhaltend sein? Sind sie konservativ, polemisch oder eher nüchtern? Hier entscheidet sich die Stärke der Brand und überzeugt die Zielgruppe nachhaltig. Das Thema Storytelling ist in der Berichterstattung kaum wegzudenken. Der Leser möchte die Geschichte greifen können und emotionalisiert werden, sei es die Sport- oder News-Berichterstattung. Wichtig ist, dass die Storytelling-Prinzipien auf alle Formate übertragen werden.

    Apropos: Sport- und News-Berichterstattung – gibt es dahingehend Unterschiede?

    Ja, die gibt es, vor allem in Zeiten von Fake-News. In der Vergangenheit ist es oft geschehen, dass über kleine News-Portale falsche Nachrichten geteilt worden sind und im Anschluss eine Kettenreaktion folgte. Medien kopierten und wandelten die News ab, sodass eine deutliche Verzerrung der eigentlichen Ereignisse stattfand. Es entsteht ein Gerüst aus Fake-News und meinungsbildenden Aussagen, gepaart mit politischer Färbung, die von unterschiedlich ausgerichteten Medien eigens aufgegriffen und angepasst wurden.

    Im Sport sieht es anders aus: Hier gibt es nur eine Wahrheit. Wenn Deutschland Fußball-Weltmeister wird oder ein Marathon-Sieger gekürt wird, dann ist das eine Tatsache, die nicht verzerrt werden kann. Es scheint Regeln zu geben, Fake-News im Sportbereich haben eine weitaus geringere Lebenszeit als News aus Politik und Gesellschaft und gehen gleichzeitig mit einer massiven Verbreitungsgeschwindigkeit einher. Das ist wohl ein Vorteil, den Sportberichterstatter haben.

    Wie sich das auch auf die Berichterstattung von News übertragen lässt, ist schwierig zu beantworten. Ich hoffe, dass der Schwerpunkt der Berichterstattung sich auch bei Nicht-Sport-News neben der Leser-Sicht auf gut recherchierte Fakten stützt.

    Mobile, Desktop oder Print: Wem gehört die Zukunft?

    Allen, denn die Formate müssen ineinandergreifen. Klar hat es der Print-Bereich derzeit nicht einfach, vor allem Tageszeitungen werden es in Zukunft schwer haben. Daher werden sich auch dort die Formate wandeln. Die Relevanz von Magazinen, die sich branchenspezifisch für deren Zielgruppe positionieren müssen, steigt nachhaltig. Im Digitalbereich sollten Verlage und Publisher auf unterschiedliche Formate und Kanäle vertrauen.

    Die sinnvolle Kombination aus Live-Berichterstattung und ausführlichen Hintergrundberichten ist der Schlüssel zu einer größeren Leserbindung. Von Text bis hin zu audiovisuellen Inhalten liegt die Herausforderung darin, den Nutzer abzuholen und ihn dann mit den passenden News zu versorgen, sobald er sie braucht. Auch die Apps sind hier nur eine Übergangsphase. Neue Displays und intelligente Systeme für alle Lebensbereiche können irgendwann auch das Format Smartphone ablösen.

    Frau Owusu, haben Sie vielen Dank für diese ausführlichen Informationen.

    www.tickaroo.com

    Tickaroo bietet mit der modernen Live-Content-Technologie eine Komplettlösung für Profi-Reporter aus dem News und Event-Bereich sowie der Sportberichterstattung. Die Tickaroo Live-Content-Tools lassen sich einfach in die eigene Webseite, Content-Management-Systeme, native Apps und Social-Media-Kanäle integrieren und damit die Zielgruppe effektiv einbinden. Im Bereich Digital Media Services setzte das Regensburger Unternehmen u.a. die Sport-App kicker sowie Red Bull-Plattform Neymar Jr’s Five um.

    Referenzen

    [1]              https://www.bitkom.org/Presse/Anhaenge-an-PIs/2017/02-Februar/Bitkom-Pressekonferenz-Smartphone-Markt-Konjunktur-und-Trends-22-02-2017-Praesentation.pdf