Information Professionals & die digitale Gesellschaft – eine Love Story?

Autor – Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des DFKI und DGI-Präsidentschaftskandidat

Viele der Kernkompetenzen von Information Professionals sind vergesellschaftet und gehören heute als moderne Kulturtechniken zur Allgemeinbildung. Suchmaschinen stehen allen zur Verfügung, auch die Zugänge zu kostenpflichtigen Spezialdatenbanken können allen zur Verfügung gestellt werden. Die Werkzeuge sind zur Hand, die Nutzung gelernt – stationär und mittlerweile auch mobil. Die Vernetzung ist flächendeckend, der Einsatz branchenübergreifend, die thematische Abdeckung grenzenlos. Das verändert das Berufsbild der Information Professionals fundamental, kreiert neue Anforderungen und eröffnet Chancen und Perspektiven.

Was geschieht mit Experten, wenn Expertenwissen aktiver Teil der Allgemeinbildung geworden ist? Was also machen die Information Professionals heute? Was ist ihre neue Rolle in Unternehmen und Gesellschaft?

Vom Spezialistentum zu neuen Betätigungsfeldern

Es geht um Wissensarbeit, die zu einer Kulturtechnik geworden ist. Deren Beherrschung notwendig wurde und die Voraussetzung für die Teilnahme am Arbeitsleben darstellt, die natürlich auch neue Eintrittshürden aufbaut, das notwendige Kompetenzportfolio erweitert, das Anforderungsprofil verändert und die Schwelle erhöht für ein erfolgreiches Erwerbsleben und die befriedigende Teilhabe an der Wohlstands- und Konsumgesellschaft.

Das ist nicht neu. Der Actuarius, der Schreiber, war in Europa bis ins 16. Jahrhundert ein angesehener Experte mit Spezialkenntnissen, der Briefe aufsetzte oder sie vorlas und gesprochene Sätze in geschriebene Texte verwandelte. Die Dienstleistung war nachgefragt, quasi magisch, und sicherlich musste der ein oder andere mal in einer Schlange stehen und warten, bis der gelehrte Schreiber Zeit fand, ein Formular auszufüllen oder ein Dokument vorzulesen, das Anliegen in ein Anschreiben oder einen Antrag zu verwandeln. Die Alphabetisierung hat die besonderen Fähigkeiten der Schreiber dann zu Allerweltsfertigkeiten degradiert – und damit das ursprüngliche Geschäftsmodell ruiniert. Was also konnte der Schreiber tun? Über vergangene Zeiten klagen?

Als Spezialist für das Schreiben hatte der Actuarius einen enormen Vorsprung bei der Auswahl oder der Gestaltung von Schreibgeräten. Er hätte also Stifte, Federn oder Füller herstellen, hätte Tinte produzieren und verkaufen oder er hätte die Schreibmaschine erfinden können. Der Schreiber hätte zu einem Papierhersteller werden können, zu einem Setzer oder Drucker oder Druckmaschinenhersteller. Geübt war er im Formulieren. So hätte er Journalist werden können, Schriftsteller oder Verleger. Die Vergemeinschaftung der Kulturtechnik hat das ursprüngliche Geschäftsmodell zerstört, aber gleichzeitig eine Vielzahl von Geschäftschancen eröffnet. Was also sind die neuen Beschäftigungsprofile und Betätigungsfelder der Information Professionals?

Der Information Professional könnte heute einfach genau das weiter tun, was er bisher getan hat: recherchieren und dokumentieren, strukturieren, archivieren und zusammenfassen. Die Suche hat verschiedene Einsatzszenarien und manchmal sind die Rechercheergebnisse missionskritisch. Dann muss man sich auf Aktualität, Präzision und Korrektheit verlassen können, muss den Quellen vertrauen, benötigt belastbare Quellenangaben. Das ist so in Bereichen wie Gesundheit, Pharmazie, Patentrecherche, Jura und Finanzen, bzw. immer dann, wenn Fehlentscheidungen nicht-triviale Auswirkungen haben. Der Bedarf ist vorhanden. Einige werden in dieser Nische arbeiten, werden einen interessanten Berufsalltag haben und davon auskömmlich leben können. Aber nicht in großer Zahl.

Information Professionals professionalisieren den Informationsfluss

Information ist zu einem Wirtschaftsgut geworden. Informationstechnologie ermöglicht mit einiger Phantasie und viel Technologie traumhafte Geschäftsmodelle und irrwitzige Renditen, verwandelt Daten in Wissen und Wissen in Geld. Demzufolge ist Informationskompetenz heute eine persönliche, gesellschaftliche und erwerbswirtschaftliche Schlüssel- und Zukunftsqualifikation. Die Wirtschaft wurde in den Grundzügen verändert, Medienbrüche überwunden, die Warenwirtschaft wurde durch eine Datenwirtschaft ergänzt und manchmal durch diese ersetzt.

Die Gesellschaft entwickelt sich substanziell zu einer dialogischen Wissensgesellschaft mit durchgehend digitalisierten Wertschöpfungsketten – Business Intelligence, Predictive Analytics haben die Recherche verändert, Social Media, Sentiment Analysis, Opinion Mining, Informationsextraktion und Big Data haben die Wissensquellen quantitativ und qualitativ erweitert. Cloud Computing hat Datenzugriff und -pflege standortunabhängig gemacht. Group Ware ermöglicht die gemeinschaftliche Informations- und Dokumentarbeit, Echtzeit-Interaktionskanäle stehen zur Verfügung, die Nutzung ist komfortabel und selbst mobil überraschend preiswert. Industrie 4.0 bringt diese Entwicklungslinien zusammen und revolutioniert die Produktion. In Echtzeit!

  • Der Information Professional muss einen unternehmerisch wichtigen Beitrag leisten, sollte sich allerdings nicht zu einem Geschwindigkeitswettbewerb verleiten lassen. Es geht nicht um hyperventilierende Informationsbeschaffung, sondern um die adäquate Qualität der Ergebnisse. Der Sprint lässt sich nicht gewinnen: algorithmische Lösungen stellen Ergebnisse schneller zur Verfügung und anfängliche Qualitätseinbußen der maschinellen Resultate, werden durch Convenience, durch Nutzerfeedback und maschinelles Lernen ausgeglichen. Zunehmend werden aggregierte Darstellungen automatisiert ausgewertet. Und bald werden auf den persönlichen Verwendungs- und Arbeitskontext zugeschnittene Ergebnisse nach den Bedürfnissen und Vorlieben des jeweiligen Kunden bzw. Kollegen visualisiert. Entwicklungen werden in Echtzeit erfasst und in Bezug auf die Handlungs- und Entscheidungskontexte evaluiert.
  • Der Information Professional konkurriert nicht mit den Datenanalyse-Tools – er wählt die richtigen Tools aus. Er steht nicht im Wettbewerb mit In-Memory-Computing-Lösungen für die Analyse von extrem großen Datenmengen, sondern er begleitet die Einführung von Big Data im Unternehmen und adressiert die Prozesse, die die Qualitätssicherung garantieren.
  • Der Information Professional ist Anwalt der Informationskompetenz. Er wird kompetent Information recherchieren und er wird die Informationskompetenz der Kollegen steigern.
  • Der Information Professional wird zum Architekten des Intranet, gestaltet den professionellen Informations- und Wissensfluss, wird im Unternehmen zum Designer des Beziehungsmanagements und zum Evangelisten der Corporate Social Kommunikation. Er entdeckt, erkundet, testet und bewertet neue Kanäle.
  • Der Information Professional ist innovationsaffiner Datennutzer und konstruktiver Datenschützer. Er ist Bewahrer des unternehmerischen Datenschatzes, Community Manager, Kommunikator und Mediator – und die Bibliothek wird zum Cothinking Space.
  • Die Information Professionals werden Angebote ausarbeiten, die Entwicklung und Einführung von Werkzeugen begleiten und sie produktiv in den Unternehmen nutzen. Sie werden den Informationsfluss professionalisieren, die Unternehmenskultur verändern und helfen, im Informations- und Wissensalltag Ziele zu erreichen.

Information Professionals werden zu Digital Life Consultants

Im nächsten Schritt werden das Internet der Dinge und Wearable Computing weitere Medienbrüche überwinden. Unser beruflicher und privater Alltag und unser Verhalten werden digital hochaufgelöst erschlossen. Nicht mehr nur die alltägliche elektronische Interaktion und Mediennutzung, sondern auch das digitale Abbild unseres Handelns in unserer unmittelbaren Umgebung. Das verändert den Umgang mit Objekten, mit Information, mit uns selbst und eröffnet Wissensräume, deren Statik und Risiken abzuwägen sind, deren Chancen formuliert und ausgestaltet werden können. In der Produktion geht es um Industrie 4.0, im Privatleben um den digitalen Zwilling, in der Politik um Partizipation, in der Gesellschaft um das digitale Erbe und das digitale Miteinander.

  • Der Information Professional wird eine größere gesellschaftliche Bedeutung für den allgemeinen Lebensalltag bekommen, wird zum Data und Digital Life Consultant. Der Information Professional hat wichtige Methodenkompetenzen und die richtige Expertise in einer aufgewühlten Debatte.

Denn Trends lassen sich nicht linear fortschreiben, gesellschaftliche Eruptionen sind nicht plan-, nicht vorhersehbar. Manchmal fordern sie, dass man als Person, als Berufsgruppe oder auch als Fachgesellschaft neue Herausforderungen annimmt. Durch die Aufdeckung der aggressiven NSA-Datensammlung haben sich ab Juni 2013 Kommunikationsparadigmen erneut und grundsätzlich geändert, kulturelle Gewissheiten schon wieder verschoben. Persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Handlungsspielräume und Gestaltungsmöglichkeiten werden neu reflektiert.

Information Professionals tragen zur Diskussion bei – mit gesellschaftlich relevanten Beiträgen

Die internationalisierte Diskussion um Vorratsdatenspeicherung und Datenanalyse, zu Privatheit und Persönlichkeitsrechten führt zu interkulturellen Grundsatzdebatten, sie polarisiert und Kompromisse sind noch nicht gefunden. Es gibt eine neue Konfliktzone. Die DGI als Fachgesellschaft der Information Professionals greift die aktuellen Debatten auf und wird ihre gesellschaftliche Relevanz bei der Erkundung dieser neuen Informations- und Lebenswelten verstehbar, wissenschaftlich nachvollziehbar und aber auch hörbar unter Beweis stellen.

Die DGI und die Information Professionals können und müssen wichtige und notwendige Beiträge zur Orientierung in den entgrenzten digitalen Ökosystemen leisten. Damit können sie die Gegenwart erträglicher machen, die Vorteile der Digitalisierung erhalten, die weitere Entwicklung der digitalen Gesellschaft unterstützen und die Zukunft gewinnen. Die Information Professionals und die DGI müssen dabei in der Diagnose präzise sein, im Dialog kreativ, in der Entwicklung dynamisch und in der Interaktion gelassen.

www.dfki.de

Reinhard Karger ist seit 2000 Leiter der Unternehmenskommunikation des DFKI. Seit 2001 wurde er zusätzlich Leiter des Deutschen Demonstrationszentrums für Sprachtechnologie im DFKI und 2011 Unternehmenssprecher des DFKI. Reinhard Karger organisiert und moderiert den future talk der CeBIT, er engagiert sich in der Jury von „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ und im Wissenschaftsjahr 2014 – Die digitale Gesellschaft.