Illegales Social Media Monitoring aus den USA

    Jan Krömer, Lehrbeauftragter an der FH Köln für Social Media Monitoring

    Wenn US-Anbieter ihre Daten an deutsche Unternehmen verkaufen …

    Bei der Analyse von Beiträgen im Social Web müssen sowohl Unternehmen als auch Dienstleister die geltenden Regeln von Datenschutz und Urheberrecht beachten. Für viele Anbieter aus dem Ausland, insbesondere aus den USA, könnte dies in Deutschland ein K.O.-Kriterium darstellen.

    Social Media Monitoring ist mehr als einfach nur Marktforschung im Internet. Beiträge in Online-Foren und Social Networks sind sehr direkt und spiegeln ungefiltert die Meinung der Autoren wider. Zudem sind sie frei von Beeinflussungen durch die Marktforschung selber, wie der Art der Fragestellung oder dem Design des Fragebogens. Schließlich werden beim Social Media Monitoring keine Primärdaten erhoben, sondern vielmehr öffentliche Daten aggregiert. Diese können dann nach Thema und Tonalität bewertet werden, um das aktuelle Meinungsbild zu Produkten und Unternehmen darzustellen. Hierzu betreiben Anbieter von Social Media Monitoring in der Regel eine eigene Suchmaschine. Diese indexiert mit einem eigenen Crawler, ähnlich wie Google, das Social Web. Im Unterschied zu allgemeinen Suchmaschinen halten viele dieser speziellen Tools der Monitoring-Anbieter Daten wie den Nutzernamen, das Erstellungsdatum, das jeweilige Posting und die URL eines Beitrags in einer Datenbank fest. Diese Datenbank kann schließlich durchsucht und inhaltlich ausgewertet werden. Das ist die Besonderheit eines Webmonitoring.

    Erhebung von personenbezogenen Daten durch deutsche Gesetzgebung klar geregelt

    Die Kunden der Monitoring-Dienstleister erhalten die Ergebnisse entweder in Form von Reports oder über ein Online Monitoring Tool. Dort können sie sich persönlich einloggen und zum Beispiel Diskussionsverläufe beobachten oder aktuelle Stimmungen durch ein Dashboard analysieren. Die Datenmengen, die hierfür durchsucht und gespeichert werden müssen, sind zum Teil extrem groß. Doch nicht nur der Umgang mit „Big Data“ stellt dabei eine technische Herausforderung dar. Bei frei verfügbaren Daten im Internet sind zahlreiche deutsche Gesetze zu beachten. Und hier liegt auch der Knackpunkt für ausländische Anbieter.

    Der wohl wichtigste rechtliche Rahmen für Social Media Monitoring in Deutschland ist das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), das den Umgang mit personenbezogenen Daten regelt. Als „personenbezogen“ werden Daten definiert, wenn man mit ihnen direkt oder mit etwas Mehraufwand eine konkrete Person bestimmen kann. In Social Media agieren zwar viele Nutzer unter Verwendung eines Pseudonyms, dennoch verraten sie häufig auch private Dinge wie ihren Wohnort, ihre Automarke oder ihre Hobbies. Auch bei anonym erstellten Postings können also durchaus personenbezogene Daten vorliegen.

    Nach § 4 des BDSG dürfen personenbezogene Daten nur dann erhoben und genutzt werden, wenn der Betroffene dies erlaubt. Eine schriftliche Einwilligung aller Social-Media-Nutzer einzuholen, bevor ihre Postings erfasst werden, dürfte in der Praxis aber unmöglich sein. Doch das Gesetz sieht in Deutschland Ausnahmen vor. Die wichtigste Ausnahme für den Bereich Social Media Monitoring ist § 30a des BDSG. Danach ist die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von personenbezogenen Daten erlaubt, wenn es sich um Daten aus allgemein zugänglichen Quellen handelt. Wichtig dabei: Diese Ausnahme gilt nur, wenn die Daten für den Zweck der Markt- oder Meinungsforschung erhoben und genutzt werden. Zu diesen Quellen gehören ohne Zweifel alle öffentlich zugänglichen Online-Foren. Aber auch Postings in Social Networks, die nicht nur für den virtuellen Freundeskreis des jeweiligen Nutzers einsehbar sind, sondern offen in seinem Profil stehen, gehören dazu. Entscheidend ist, ob die Daten prinzipiell für jeden Nutzer oder nur für einen individuell bestimmten Personenkreis einsehbar sind. Die Erfassung eines Forums mit passwortgeschützter Freischaltung wäre also rechtswidrig.

    Auch US-Anbieter an geltendes Recht gebunden

    Viele Unternehmen nutzen für ihr Social Media Monitoring aber gar keinen deutschen Dienstleister, sondern setzen Tools aus dem Ausland ein, häufig aus den USA. Sind diese überhaupt an deutsches Recht gebunden? Was ist, wenn ein US-Anbieter solche Daten erhebt und an ein deutsches Unternehmen weitergibt? Auch diese Fragen können aus der Gesetzgebung beantwortet werden. Sobald Daten von deutschen Servern erhoben werden, gilt auch für Monitoring-Anbieter aus den USA das deutsche Recht. Dies trifft also insbesondere zu, wenn deutsche Foren und Blogs erfasst werden. Vor allem die Foren spielen in Deutschland eine sehr wichtige Rolle. Millionen Nutzer diskutieren hier täglich über alle möglichen Themen, Produkte und Unternehmen. Es gibt zahllose Foren für wohl jede Art von Haustier, jedes Urlaubsziel und jede Automarke, Musikrichtung oder Sportart. Aus Sicht der Marktforscher ist dies ein echter Datenschatz, der äußerst wertvolle Einsichten in das unverfälschte Meinungsbild der Konsumenten erlaubt. Ein Monitoring in Deutschland umfasst daher immer auch diese Quellen.

    Hierbei entstehen allerdings massive Probleme für die Anbieter aus dem Ausland. Einerseits ist festzustellen, dass viele amerikanische Anbieter auch passwortgeschützte Quellen indexieren und bereits aus diesem Grund gegen das deutsche Gesetz verstoßen. Doch welcher Anbieter eines US-Tools kennt überhaupt den Paragraphendschungel der deutschen Gesetze? Auftraggeber, die ein Social Media Monitoring einkaufen, können dabei die Verantwortung nicht auf ihren Dienstleister abwälzen. Für sie gelten nämlich die gleichen gesetzlichen Bestimmungen, sie sind also selbst für deren Einhaltung verantwortlich. Ein Umgang mit rechtswidrig erhaltenen Daten wie von US-Anbietern ist den Unternehmen in keinem Fall erlaubt. Gleiches gilt für Agenturen in Deutschland, die mit Hilfe eines zugekauften amerikanischen Tools ein Social Media Monitoring betreiben oder gar lediglich auf dieser Basis eine Beratung anbieten.

    Wird also ein US-Tool eingesetzt, steigt die Gefahr, ein in Deutschland illegales Monitoring zu betreiben. Unternehmen müssen daher immer darauf achten, dass ihr Dienstleister das deutsche Recht, vor allem das Bundesdatenschutzgesetz, kennt und achtet. Viele in Deutschland ansässige Monitoring-Anbieter sind mit dem Thema recht gut vertraut. Einer Umfrage des Social Media Magazins zur Folge haben fast alle Monitoring-Anbieter aus Deutschland Datenschutzbeauftragte bestellt oder haben klare Richtlinien gemäß des deutschen Gesetzes bei ihrem Monitoring. Die Server der deutschen Anbieter befinden sich dabei meist ebenfalls in Deutschland. Die US-Anbieter dagegen sind in diesem Bereich noch relativ sorglos. Schließlich gelten ihre Daten für den internationalen Markt und sie sehen sich nicht an die deutschen Gesetze gebunden.

    Legales Monitoring: Datenauswertung nur für Markt- und Meinungsforschung

    Die Unternehmen sollten in jedem Fall wissen, woher die Daten stammen. Für ein legales Monitoring müssen jederzeit passwortgeschützte Bereiche, Zugangsbeschränkungen von Websites, Privacy-Einstellungen sowie das grundsätzliche Anonymisierungsgebot inklusive seiner Ausnahmen beachtet werden. Einige deutsche Monitoring-Anbieter stellen hierzu ihren Kunden bereits Datenschutzerklärungen zur Verfügung.

    Noch ein weiterer Punkt könnte für die US-Anbieter Probleme aufwerfen: die Ausnahme-Erlaubnis, nach der man Foren und Blogs in Deutschland indexieren und auswerten darf, gilt nur für die Markt- und Meinungsforschung. Gerade US-Tools liefern aber häufig keine spezialisierte Dienstleistung im Sinne der Marktforschung, sondern eine Art Social-Media-Suchmaschine als Massenprodukt. Aufgrund des eher günstigen Preises sind sie dabei auf einen großen Kundenstamm angewiesen. Radian6 zum Beispiel verweist auf über 3.000 Kunden. Es ist anzunehmen, dass nicht alle Daten für die Marktforschung verwendet werden. Eine Nutzung für andere Zwecke wie Werbung oder eine direkte Nutzeransprache ist jedoch gemäß deutscher Rechtsprechung nicht erlaubt.

    Wenn Unternehmen sichergehen möchten, dass sie ein legales Social Media Monitoring betreiben, sollten sie auf einen spezialisierten Anbieter in Deutschland zurückgreifen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass das Monitoring-Unternehmen auch einen Datenschutzbeauftragten bestellt hat und dieser auch die Datenschutzerklärung mit unterschreibt. Die Server sollten ebenfalls nicht im Ausland, sondern auf deutschem Boden stehen und nach deutschem Recht Inhalte auswerten. Es sollte zudem darauf geachtet werden, dass der Monitoring-Dienstleister auch in der Lage ist, gemäß der aktuellen deutschen Gesetzeslage seinen Kunden wissend zur Seite zu stehen. Bei günstigen amerikanischen Monitoring-Massenprodukten kann kaum noch eine fundierte Marktforschung angenommen werden.

    Deutschland – kein Markt für US-Anbieter?

    Eventuell könnte dies sogar ein Grund für einige ausländische Tool-Anbieter sein, den deutschen Markt wieder zu verlassen. Deutschland hat bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass einige Branchen von ausländischen Diensten aufgrund rechtlicher und kultureller Eigenschaften nicht so einfach durchdrungen werden können. Genannt werden können hier der Kampf der Supermarktketten oder simple Beispiele wie Steuererklärungssoftware.

    Noch vor einigen Jahren gab es einen harten Wettbewerb um die beste Software für die Personaleinsatzplanung (PEP). Fast alle Lösungen aus dem US-Sektor haben sich aber nach wenigen Jahren wieder vom Markt verabschiedet, als sich die arbeits- und datenschutzrechtlichen Aspekte für amerikanische Anbieter als nicht umsetzbar erwiesen hatten. Der Markt für PEP wird seither von deutschen Softwarelösungen dominiert. Das sensible Thema Social Media Monitoring könnte schon bald eine ähnliche Entwicklung nehmen.

    Jan Krömer ist Mitglied des gemeinsamen Ausschusses der Verbände der Markt- und Sozialforschung (BVM, DGOF, ASI, ADM) in Deutschland zur Erarbeitung berufsständischer Verhaltensregeln zur Social-Media-Forschung. Er ist Redakteur beim Social Media Magazin sowie Lehrbeauftragter an der FH Köln für Social Media Monitoring. Außerdem berät er Kunden bei der Konzeption und Umsetzung von Social-Media-Maßnahmen bei der infospeed GmbH. Als Urheberrechtsexperte schrieb er zudem das deutsche Standardwerk zum Thema digitale Raubkopien („NO COPY“, bei Klett-Cotta). jan.kroemer@social-media-magazin.de