… wissen wir denn, was wir tun?

Autorin – Ursula Coester, Beraterin und Coach, Mitbegründerin der Ethikplattform Xethix

Die aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts GfK Enigma vom Juli diesen Jahres offenbart Erstaunliches: Anscheinend erreichen die großangelegten Initiativen der Bundesregierung wie etwa die „Digitale Agenda“ bislang nicht das beabsichtigte Ziel, denn ein Großteil des deutschen Mittelstandes setzt sich zu wenig mit den Chancen auseinander, welche die Digitalisierung bietet. Als einer der Gründe für das mangelnde Engagement wird neben der Sorge um die Sicherheit der Daten auch die Furcht vor zu viel Transparenz angeführt.

Diese Bedenken beschäftigen im privaten Bereich dagegen nicht viele. Da wird (scheinbar) jeder Trend aufgenommen und in die tägliche Routine integriert – manchmal bar jeglichen besseren Wissens und Gewissens. Selbstverständlich weiß heute fast jeder, der im Internet unterwegs ist, dass Konzerne wie Facebook oder Google alles sammeln, auswerten sowie aufbereiten und dann die so erstellten Nutzerprofile für viel Geld verkaufen. Aber, so lautet die hier gern verwendete Rechtfertigung, dafür biete beispielsweise die genannte Suchmaschine ja schließlich einen echten Mehrwert, denn sie sei so komfortabel und liefere zudem die besten Ergebnisse. Natürlich bleibt heutzutage auch niemandem die Tatsache verborgen, dass jede neue Generation von Smartphones und (neu) Smartwatches immer stärker auf das Sammeln von Nutzerdaten fokussiert ist. Demnächst übrigens die wirklich interessanten, die bis dato noch zur Abrundung des Profils gefehlt haben: Zahlungs- und Gesundheitsdaten. Aber dafür bieten die Geräte dem Nutzer im Gegenzug praktische Hilfestellungen für den Alltag, etwa die kontinuierliche Beobachtung inklusive Analyse der eigenen Gesundheitswerte.

Datenfreigaben werden unkritisch gewährt

An dieser Stelle wird übrigens der Trend zur Digitalisierung von Unternehmen gern gesehen. Denn der Bedarf nach Daten wächst stetig, weil jeder Hersteller oder Dienstleister permanent mehr verkaufen möchte und deshalb versucht, sein Angebot noch fokussierter auf den Kunden abzustimmen und im weiteren passgenau zu unterbreiten. Die aktuelle Technologie macht es ja möglich, denn Speicherplatz kostet fast nichts mehr und die Analysemethoden werden zunehmend intelligenter. (Sonst fangen zwei Sätze hintereinander mit „Denn“ an.)

Fatal wäre folglich die Vorstellung, dass proportional zu dem Optimierungspotenzial im technischen Umfeld der Umgang mit den Daten von Generation zu Generation lässiger würde. Ein Indiz dafür, dass dem so sein könnte, gibt das Experiment „Zahlen mit Daten“ des Data Scientist Florian Dohmann, der sich in seiner Freizeit damit beschäftigt, die digitale Welt zu hinterfragen. Im Kern sah besagter Versuch so aus, dass die Kunden (in einem temporär aufgebauten Ladenlokal) ihren Einkauf an Grundnahrungsmittel mit bestimmten Aktivitäten bei Facebook bezahlen mussten – so kostete etwa eine Tüte Milch drei persönliche Postings. Bemerkenswert, so das Resümee von Dohmann, war hierbei unter anderem, dass die jüngere Klientel sich ohne Zögern mehrheitlich dazu bereit erklärte, alle geforderten Datenfreigaben zu gewähren und so gut wie gar nichts hinterfragte, obwohl dadurch die Privatsphäre nachweislich tangiert wurde. Die entsprechende Erklärung ist für Florian Dohmann relativ trivial: Die jüngeren Generationen sind mit diesen Medien aufgewachsen und von daher, aufgrund des Gewöhnungsprozesses, eher unkritisch in Bezug auf ihre Daten.

Verantwortung liegt nicht nur beim Staat

Das Fazit? Was wir brauchen, ist sowohl die Diskussion als auch die Aufklärung zum bewussten Umgang mit allen Facetten der Digitalisierung. Denn im Moment scheint es so, als ob die Verantwortung lieber delegiert würde. So erwartet der Konsument gerade viel von der übergeordneten Instanz – der Staat soll’s richten: Zum Beispiel mit dem Aufbau eines europäischen Kommunikationsnetzes, Stichwort „Schlandnetz“ oder „Schengen-Routing“ – denn auch wenn sich der Datentransport über Amerika schneller und günstiger abwickeln lässt, ist es nicht trotzdem besser Datenpakete, die innerhalb Deutschlands oder Europa anfallen, auch dort zu belassen, allein zum Schutz vor Datenausspähung? Oder auch mit restriktiven Datenschutzvorschriften – denn wer liest schon gern das Kleingedruckte in den Verträgen bei den Service-Anbietern und setzt sich schon gern mit den komplizierten Inhalten oder gar dem Dienstleister auseinander?

Die Quintessenz aus allem Für und Wider kann gleichwohl nur lauten: Es macht absolut keinen Sinn, technologischen Fortschritt per se zu verteufeln. Doch kommt gleich ein Appell hinterher: Ebenso wenig darf alles kritiklos angenommen werden. Im Prinzip kann sich heutzutage hier keiner mehr seiner Verantwortung entziehen – es gilt, ein Bewusstsein für die Chancen und Risiken zu entwickeln.

Für Unternehmen geht damit unter anderem einher, dass es irgendwann nicht mehr möglich sein wird, sich den neuen Rahmenbedingungen innerhalb der Wertschöpfungsketten zu entziehen – das erfährt momentan der Handel. Im privaten Bereich muss in diesem Kontext jeder seine Eigenverantwortung erkennen, hauptsächlich dahingehend, welche Informationen er wo preisgibt und vor allem was er hinterlässt. Denn alle Daten, auch die unstrukturierten aus den sozialen Netzwerken, können heutzutage sehr gut analysiert werden und ermöglichen letztendlich Schlussfolgerungen, die treffgenau sind. Damit ist dann alles vorstellbar – jegliche Art der Manipulation von Personen. Theoretisch also realisierbar – ob dies in die Praxis stattfinden wird, darüber müssen wir jetzt selbst entscheiden.
www.xethix.com

Ursula Coester arbeitet seit über 16 Jahren als Beraterin und Coach. Ihre Tätigkeit umfasst neben der Strategieentwicklung die Planung und Durchführung von Maßnahmen für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing bis hin zur Organisation von Events sowie Teamentwicklung- und Projekt-Moderation. Sie ist Mitbegründerin der Ethikplattform Xethix sowie seit 2010 Partnerin am Social Media Institut (SMI), Nürtingen, und seit 2013 Moderatorin des Mobile BusinessClub NRW, Köln.