Think Outside The Box. Blockchain als Schlüsseltechnologie für Coopetition – und damit für den wirtschaftlichen Wandel

 

Autor – Thomas Müller, Sprecher der evan.network organization und CEO der evan GmbH

 

Spätestens seit der Popularität von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum ist die Blockchain-Technologie zu einem Schlüsselbegriff der digitalen Transformation geworden. Anwendungsfälle in der Wirtschaft sind allerdings weiterhin rar. Das liegt vor allem daran, dass Blockchain nicht einfach eine neue Technologie ist, um bestehende Prozesse zu optimieren. Beim Einsatz „hinter verschlossenen Türen“ bringt Blockchain wenig messbaren Nutzen. Vielmehr spielt das dezentrale Distributed-Ledger-Prinzip sein Potenzial in unternehmensübergreifenden Transaktionen aus und wirkt dabei auf die gesamte Wertschöpfungskette und darauf aufbauende Geschäftsmodelle.

Blockchain-Modelle folgen einer neuen Logik

Auch wenn Kryptowährungen ein Thema für sich sind, zeigt sich dieser Aspekt dort bereits sehr deutlich. Es handelt sich nicht um eine reine Digitalisierung etablierter Prozesse wie bei der Einführung des Online-Bankings. Die Revolution dezentraler Währungen auf Blockchain-Basis besteht darin, dass sie komplett ohne Bank als Intermediär auskommen und einer ganz neuen Logik folgen. Es hat viel visionäre Vorstellungskraft gebraucht, um an diesen Wandel zu glauben. Genauso verhält es sich beim Einsatz der Blockchain in Coopetition-Modellen. Es ist sehr interessant zu beobachten, welche Unternehmen und Branchen in Deutschland die Potenziale bereits erkannt haben und welche die Türen weiter verschlossen halten.

Um Blockchain-Projekte erfolgreich umzusetzen, ist es in einem ersten Schritt essenziell, ein umfassendes und vor allem richtiges Verständnis der Technologie zu gewinnen. Im Gegensatz zu einer zentralen Datenbank werden bei Blockchain alle Transaktionen verschlüsselt auf vielen verschiedenen Servern gespeichert (Distributed-Ledger-Prinzip). Es entsteht ein dezentraler, unveränderlicher und manipulationssicherer Datenspeicher.

 

Kooperativer Ansatz komplettiert die technologische Dimension

Des Weiteren bietet Blockchain die Möglichkeit, durch sogenannte Smart Contracts digitale Verträge zu schließen, deren Inhalt beim Eintreten einer festgelegten Bedingung automatisiert ausgelöst wird. Diese Funktionalitäten machen Blockchain zu einer geeigneten digitalen Infrastruktur, die für weit mehr eingesetzt werden kann als für Kryptowährungen. Geeignete Use Cases finden sich beispielsweise für Supply Chain Management, Internet of Things, Versicherungen oder im Energiesektor.

Eine dezentrale Technologie muss auch dezentral eingesetzt werden. Um die Potenziale tatsächlich nutzbar zu machen, müssen Unternehmen das technologische Verständnis von Blockchain um zwei weitere Dimensionen ergänzen: Das Verständnis, für welche Szenarien der Einsatz der Blockchain-Technologie sinnvoll ist und die Herangehensweise, mit der Blockchain-Projekte realisiert werden. In der Regel lohnt sich der Einsatz von Blockchain besonders, wenn:

  • reale Güter digitalisiert werden sollen, um sie in datengesteuerte Geschäftsmodelle zu integrieren (Digitale Identitäten),
  • Prozesse und Transaktionen vollumfänglich (Ende-zu-Ende) und ohne zwischengeschalteten Intermediär digitalisiert werden sollen,
  • eine unveränderliche Transaktions- und Vermögens-Dokumentation geschaffen werden soll.

“In Verbindung mit Digitalen Identitäten ermöglicht die Blockchain eine neuartige Ende-zu-Ende-Digitalisierung, in der Ressourcen unternehmensübergreifend verfügbar gemacht werden: Die nächste Stufe der Sharing Economy.”

Doch auch wenn Unternehmen die Technologie und die Wirkungspotenziale richtig verstehen, kann sich die Implementierung von blockchain-basierten Lösungen schwierig gestalten. Denn statt Blockchain-Lösungen aus klassischen unternehmerischen Denkmustern heraus zu entwickeln, bedarf es einer neuen Herangehensweise: Zur Optimierung der Zusammenarbeit von Unternehmen sind gemeinsame Lösungen erforderlich. Der Einsatz einer dezentralen Peer-to-Peer-Technologie muss auch durch einen kooperativen Ansatz ausgestaltet werden.

„Hier entsteht eine neue wirtschaftliche Denkweise, wenn Unternehmen in kooperativen Ökosystemen zusammenarbeiten“

Plattformen haben sich zu einem dominierenden Geschäftsmodell der digitalen Wirtschaft entwickelt, weil sie ihren Kunden die Produkte und Serviceleistungen von Unternehmen aus einer Hand anbieten können. Das sorgt neben einer großen Auswahl für Kunden für weniger Medienbrüche und stiftet Vertrauen in den großen Plattformpartner. In immer mehr Branchen nehmen Plattformen daher dominierende Stellungen ein, sorgen jedoch auch für eine wachsende Abhängigkeit der angeschlossenen Akteure. Darum suchen Unternehmen nach Alternativen, die es ihnen ermöglichen, unternehmensübergreifende Prozesse zu digitalisieren und Kunden einen besseren Service zu bieten. In einigen Branchen finden sich daher Wettbewerber zusammen, um in dezentralen Kooperationsmodellen auf die neue Konkurrenz durch Plattformen sowie die sich wandelnden Kundenbedürfnisse zu reagieren.

Diese neue Form der Zusammenarbeit, von Experten „Coopetition” genannt, findet in der Blockchain die geeignete technologische Infrastruktur. So proklamiert beispielsweise die blockchain-basierte Vertrauensinfrastruktur evan.network die „dezentrale Marktwirtschaft auf Basis der Blockchain-Technologie” als eine neue wirtschaftliche Denkweise, wonach Unternehmen in sogenannten kooperativen Ökosystemen miteinander zusammenarbeiten.

 

 

Thomas Müller, Sprecher der evan.network organization, erklärt im Interview mit DIGITUS, wie das funktioniert.

Herr Müller, Sie sagen, dass Wettbewerber miteinander kooperieren sollen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und sich nicht von Plattformen abhängig zu machen. Warum ist Blockchain in Ihren Augen die geeignete Technologie, um unternehmensübergreifende Lösungen zu schaffen?

Gerade im B2B bemerken wir, dass viele Unternehmen digitale Angebote allein entwickeln und damit Insellösungen schaffen. Aufgrund fehlender gemeinsamer Standards ist es nur unter hohem Aufwand möglich, die Services verschiedener Anbieter zu kombinieren – eine Lücke, die Plattformen schließen, und die daher bei Kunden sehr beliebt sind. Doch der Anschluss an eine Plattform heißt für Unternehmen auch, sich in eine Abhängigkeit von anderen Playern zu begeben. Die dezentrale Struktur der Blockchain ermöglicht es Unternehmen hingegen, in kooperativen Ökosystemen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Sie können den Service einer Plattform liefern, ohne sich von einem zentralen Anbieter abhängig machen zu müssen.

Was genau verstehen Sie unter einem kooperativen Ökosystem?

In einem kooperativen Ökosystem interagieren die beteiligten Unternehmen miteinander auf Basis einer digitalen Vertrauensinfrastruktur. Die Mitglieder können ihre Leistungen mit anderen Marktteilnehmern vernetzen und so beispielsweise zeitweise auf Ressourcen von Wettbewerbern zugreifen. Unterm Strich können sie dadurch Kundenbedürfnisse besser erfüllen. Gleichzeitig wahren alle Akteure ihre Unabhängigkeit, ihre Datenhoheit und haben die gleichen Marktchancen.

Die Kooperation von Wettbewerbern auf Augenhöhe, die für alle Vorteile bringt – ist das nicht ein wenig zu optimistisch?

Dieser Einwand ist nicht neu. Aber Coopetition beinhaltet nicht nur Kooperation, sondern auch Wettbewerb. Jedes Unternehmen bestimmt selbst, welche Informationen zu welchem Zeitpunkt mit welchem Geschäftspartner geteilt werden – oder eben nicht. Auf diese Weise bleiben die Unternehmen eigenständig und behalten ihre Autonomie. Außerdem vermeiden dezentrale Infrastrukturen auch, dass es zu einem Informations- und damit Machtgefälle kommt, wie wir es von zentralen Plattformen kennen.

Wie sind solche kooperativen Ökosysteme aufgebaut? Und wer sorgt für Vertrauen und Transaktionssicherheit, wenn zentrale Instanzen wie Plattformbetreiber fehlen?

Letztlich basiert das kooperative Ökosystem auf einer dezentralen Vertrauensinfrastruktur, die die Blockchain-Technologie nutzt. Sie ist also dezentral, manipulationssicher und ermöglicht es, digitale Verträge zu schließen. Die beteiligten Unternehmen, ihre Mitarbeiter, Maschinen oder Produkte erhalten eine manipulationssichere und verifizierte Digitale Identität. In dieser werden Informationen wie Stammdaten oder Zertifizierungen, aber auch Nutzungsbedingungen und digitale Verträge gespeichert. Auf dieser Basis können die beteiligten Unternehmen ihre Geschäftsprozesse digitalisieren und beispielsweise Ressourcen von anderen Unternehmen zeitweise in die eigene Wertschöpfung integrieren.

Wie entsteht diese neue Form der Zusammenarbeit und welche Herausforderungen beobachten Sie bei der Schaffung kooperativer Ökosysteme?

Bisher beobachten wir den Aufbau von kooperativen Lösungen vor allem in Branchen, in denen es ohnehin bereits unternehmensübergreifende Prozesse gibt, die allerdings noch nicht digitalisiert sind. Hier findet sich oft ein treibendes Unternehmen, das die Initiative ergreift und versucht, andere Unternehmen oder Verbände als Kooperationspartner zu gewinnen. Für den Erfolg ist entscheidend, dass von Anfang an der Nutzen einer kooperativen Lösung für alle Akteure klar ist. Eine größtmögliche Offenheit und Beteiligung aller ist also unumgänglich. Es soll schließlich eine Infrastruktur entstehen, die den Anforderungen und Erwartungen aller Nutzer gerecht wird.

Gibt es schon Erfahrungen in der Praxis, die Sie uns vielleicht nennen können?

Ein Beispiel findet sich bei Vermietern von Bau- und Arbeitsmaschinen. In dieser Branche spielen Kooperationen seit jeher eine große Rolle. Längst gehört es zum Alltag, dass Vermieter auf die Maschinen von Wettbewerbern und Partnern zurückgreifen, um Bestellungen der Kunden zu bedienen. Bisher wird dazu jedoch meist noch telefoniert, gefaxt und gemailt. Standortinformationen oder Zustandsbeschreibungen werden manuell ausgetauscht.

Bei der Initiative de:rental kooperieren Vermieter jetzt gemeinsam mit Herstellern und ERP-Systemen auf der blockchain-basierten Vertrauensinfrastruktur evan.network. Gemeinsam wurden Standards für Digitale Identitäten entwickelt, die Mietobjekte von der Arbeitsbühne bis zum Kettenbagger digital verfügbar machen. Anbieter können auf die Ressourcen ausgewählter Partner zugreifen und diese direkt in eigene Vermietungsprozesse integrieren. Die Beschaffenheit der dezentralen Infrastruktur bietet den Anbietern die Möglichkeit, genau auszuwählen, welche Daten mit welchem Geschäftspartner geteilt werden.

Das klingt ganz danach, als hätte sich dieses Projekt bereits bewährt …

… Ja, in der Tat. Die Ergebnisse sind auf beiden Seiten sehr vielversprechend. Die Kunden profitieren ähnlich wie bei einer zentralen Plattform von verbindlichen Buchungen und dem Zugriff auf einen unternehmensübergreifenden Fuhrpark. Der Vorteil für Vermieter besteht bei der Zusammenarbeit im digitalen Ökosystem darin, dass sie die absolute Datenhoheit behalten und keine Provision an einen zentralen Plattformbetreiber anfällt. Diese Lösung macht universelle Vermieter und Nischenanbieter gleichsam flexibel und sorgt so auch für neue Absatzoptionen in Zeiten konjunktureller Schwäche.

Herr Müller, das liest sich alles sehr spannend. In Zukunft hören wir sicherlich von einer Reihe erfolgversprechender Coopetition-Modelle. Vielen Dank für dieses Interview.

https://evan.network/de/

evan.network ist eine neutrale Vertrauensinfrastruktur für kooperative Ökosysteme. Das blockchain-basierte Netzwerk ermöglicht die Bildung manipulationssicherer Digitaler Identitäten von Unternehmen und Gütern als Voraussetzung für automatisierte Prozesse in der Economy of Things. Beteiligte Unternehmen bieten ihre digitalisierten Produkte und Dienstleistungen unternehmensübergreifend an und erlangen so Wettbewerbsvorteile ohne die Abhängigkeit von zentralen, marktdominierenden Instanzen. Initiator der Business Blockchain ist das Dresdner B2B-Startup evan GmbH. Zu den aktiven Netzwerkpartnern gehören Daimler Mobility, der Textildiscounter KIK sowie Unternehmen aus den Bereichen Medizintechnik und Baumaschinen-Vermietung.