ZEITen-LUPE

     

    „Die Geschwindigkeit, mit der wir die Grenzen der Technologie neu stecken, ist faszinierend. Doch wie weit soll sie unser Leben steuern?“

     

    Benjamin Talin, CEO und Gründer der Plattform morethandigital.info

     

    Egal ob Home-Office, Remote-Office, digitaler Nomade oder andere Formen der Arbeit auf Distanz – viele haben derzeit genug von den „neuen Arbeitswelten“ und sind in der sogenannten „Zoom-Fatigue“ angelangt. Man starrt tagein tagaus auf Bildschirme, die meisten menschlichen Kontakte laufen über WhatsApp, Slack oder andere Tools. Geschäftsmodelle werden immer digitaler und soziale Räume laden heute zum digitalen Kaffee oder digitalen Network-Partys ein.

     

    “Digitale Geschäftsmodelle und vor allem digitale Ökosysteme sind die erfolgreichsten Systeme unseres neuen Jahrhunderts.”

     

    Unabhängig von der Tatsache, dass digitale Technologien in den letzten Monaten eindrucksvoll ihre Leistungsfähigkeit demonstriert haben, stellen sich immer mehr Menschen grundsätzliche Fragen: Wie viel Digitalisierung brauchen Wirtschaft und Gesellschaft – und welche Auswirkungen hat sie auf lange Sicht? Sind wir Diener der Technologie geworden? Wie sollten wir mit der Technologie der Zukunft sinnvoll umgehen? Wohin wollen wir als Gesellschaft gehen?

    Wohin gehen wir?

    Erst im Zuge der sogenannten vierten Industriellen Revolution erhielten Elektronik sowie die Vernetzung von Daten ihre wirtschaftliche Bedeutung und musste man sich mit einem exponentiellen Wachstum der Technologie beschäftigen.

    Das Human-Genome Projekt kann hier stellvertretend für diesen Fortschritt genannt werden – und auch dafür, dass das Verständnis für exponentielles Wachstum sich erst entwickeln musste. Das Projekt hatte ein Budget für 15 Jahre, doch nach über sieben Jahren Forschungen und Berechnungen war nur ein Prozent des Gen-Codes entschlüsselt. Viele sahen schon das Scheitern dieses Wissenschaftsprojekts voraus, da man davon ausging, dass man Jahrhunderte brauchen würde, um das menschliche Genom vollständig entschlüsseln zu können. Trotz dieser großen Skepsis hielt der Projektleiter an der Deadline fest und begründete dies mit der Aussage, dass die Menge an ausgewerteten Daten sich jedes Jahr verdoppeln würde. Am Ende konnte das Projekt bereits nach 13 Jahren abgeschlossen werden.

    Schon jetzt zeigen sich die kompletten Veränderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft –und die Geschwindigkeit, mit der Technologien weiterentwickelt werden, wird rasant zunehmen. In den nächsten Jahren sind große Fortschritte unter anderem in der Robotik und der künstlichen Intelligenz zu erwarten, womit Technologie immer weiter in das alltägliche Leben integriert werden wird.

    Wer bin ich – wer möchte ich sein?

    Social-Media-Plattformen haben in den letzten zwei Jahrzehnten gelernt, die Sucht nach Neuigkeiten, Informationen oder kleinen Bestätigungs-Kicks zu nutzen und unser Verhalten so zu manipulieren, dass man damit ein Vermögen erwirtschaften kann. Durch intelligente Technologien, schnellere Prozessoren, mehr Daten und vor allem auch mehr Berührungspunkte zu allen Aspekten unseres täglichen Lebens sind wir zunehmend steuerbar und auch vorhersehbar geworden.

    Maschinen können jetzt schon wissen, wann wir depressiv werden, wann wir uns verlieben, ob und wann wir umziehen werden und welche Jobs wir in Zukunft machen könnten. Auf diese Weise können Unternehmen und Algorithmen bessere Angebote aufbereiten und uns sehr gezielt beeinflussen, ohne dass wir es merken werden. Dies wirft nicht nur ethische Fragen auf, sondern auch gesellschaftliche. Soll Technologie uns nur noch als «beeinflussbares Konsum-Produkt» sehen und wie weit wollen wir Technologie unser Leben steuern lassen?

    Wer dient wem?

    Die letzten technologischen Veränderungen haben uns ungeahnte Möglichkeiten zur Wertschöpfung zur Verfügung gestellt. Digitale Geschäftsmodelle und vor allem digitale Ökosysteme sind die erfolgreichsten Systeme unseres neuen Jahrhunderts. Sie können mit wenig Aufwand gigantische Gewinne erwirtschaften wie zum Beispiel Amazon, Google oder auch Alibaba beeindruckend zeigen.

    Doch Technologie ersetzt zunehmend hochqualifizierte Jobs und übernimmt auch einen grossen Anteil an Commodity-Jobs, Arbeiten die austauschbar, einfach und repetitiv sind wie zum Beispiel in Lagerhäusern, bei Paketdiensten oder in Fabriken. Dies teilt die Gesellschaft in zwei Teile: auf der einen Seite stehen diejenigen, die digitale Geschäftsmodelle verstehen und davon stark profitieren und auf der anderen Seite die, die Jobs mit Mindestlöhnen verrichten müssen, um dem technologischen Fortschritt zu dienen. Welche Richtung werden wir als Gesellschaft einschlagen? Wie können wir technologischen Fortschritt für alle zugänglich machen und wie können wir den Lebensstandard für alle erhöhen?

    Welche Seite gewinnt?

    Eines ist in den letzten Jahren immer klarer geworden: Der reine technologische Ansatz, bei dem Technologie und Produktivität im Zentrum stehen, wird sich in den nächsten Jahren nicht mehr halten können. Die soziale Verantwortung von Firmen und deren Aktionen rücken immer weiter in das Zentrum des gesellschaftlichen Interesses. Die Forderung nach Gerechtigkeit und einer Regulierung der hyperskalierenden Geschäftsmodelle der Tech-Giganten Google oder Amazon wird immer lauter werden. Auch werden Themen wie Klimaschutz, verantwortungsvoller Umgang mit Daten, die ethischen Fragen rund um digitale Geschäftsmodelle längst nicht mehr nur in elitären Kreisen besprochen.

    Doch bei aller Kritik – es gibt auch eine andere Seite: Corona hat uns gezeigt, dass künstliche Intelligenz und die weltweite Vernetzung der Wissensgemeinde dazu führen können, dass wir in kürzester Zeit unglaubliche Fortschritte mit Auswertungen der Gensequenz, Tracking von Mutationen, Entwicklung von Impfstoffen machen können. Und Online-Meetings oder virtuelle Events haben ihren Teil dazu beigetragen, Wirtschaft und Gesellschaft am Laufen zu halten.

    Unterm Strich kommt es darauf an, was wir daraus machen – und es ist in unserer Verantwortung, die Dinge zum Positiven zu verändern. Die Visionen lägen nahe: Der Kampf gegen Hunger, Krankheiten, wirtschaftlicher Fortschritt auch für bislang benachteiligte Regionen der Welt … Doch mit der neuen Macht von digitalen Technologien sind gegenteilige Konsequenzen im gleichen Maße denkbar: Beispielsweise könnte der erste Mensch mit einem funktionierenden skalierbaren Quantencomputer alle Verschlüsselungen der Welt knacken und so auf alle Daten zugreifen und alle Konten räumen. Auch können Tech-Giganten wie Amazon, Apple und viele mehr so groß werden, dass diese unkontrollierbar werden.

    Wie werden wir uns entscheiden?

    Die Geschwindigkeit, mit der wir die Grenzen der Technologie neu stecken und auch in unser Leben lassen, ist faszinierend. Doch wir konnten in den letzten Monaten erfahren, dass Online-Meetings eine gute Sache, aber eben nicht alles sind, weil sie unmittelbaren menschlichen Kontakt nicht vollständig ersetzen können.

    Dieses Sowohl-als-Auch beschreibt den Rahmen, in dem wir uns bewegen: Wir als Konsumenten müssen lernen, dass Technologie zu unserem Leben gehört und sie in Zukunft noch mehr dazugehören wird. Doch geht es darum, einen ‘menschlichen’ Umgang damit zu erlernen. Firmen wie auch Staaten müssen darüber hinaus verstehen, dass wir als Einzelperson nicht mehr in der Lage sind, in dieser komplexen Welt unsere eigenen Interessen wirkungsvoll zu vertreten. So wird die Humanisierung der Technologie und auch ihr gesellschaftlicher Nutzen mehr in den Fokus rücken müssen. Wir werden als Gesellschaft aber auch als Wirtschaft gefordert sein, die Technologie in diesem Sinne einzusetzen.

    www. morethandigital.info

    Benjamin Talin, CEO und Gründer der Plattform morethandigital.info, Internationaler Keynote Speaker, Futurist, Regierungs- und Wirtschaftsentwicklungs-Berater, Publizierter digitaler Transformations-Spezialist, Autor, Industrie-Influencer, Thought Leader, Dozent